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Berichte zum
Deutschlandtreffen der Ostpreußen

−  Ostpreußen hat Zukunft  −

Messe Kassel - 17. und 18. Mai 2014


Prof. Dr. Dr. h.c. Ingo von Münch

Dankesrede von Prof. Ingo von Münch
Zur Verleihung des Ostpreußischen Kulturpreises auf dem Deutschlandtreffen der Landsmannschaft Ostpreußen am 17. Mai in Kassel.

Sehr verehrter Sprecher der Landsmannschaft, Herr Stephan Grigat,
lieber Herr Dr. Heitmann,
sehr geehrte Damen und Herren,
schließlich – wegen des Themas meines Buches besonders hervorgehoben – liebe Frauen aus Ostpreußen!

Das Deutschlandtreffen der Landsmannschaft Ostpreußen erinnert mich an Ostpreußen – genauer: an das Samland, wo ich in meiner Kindheit Ferien verbracht habe. Elche in freier Wildbahn zu sehen war ein für mich noch heute unvergessenes Erlebnis.

Für viele Menschen aus Ostpreußen sind aber andere Erlebnisse unvergesslich, weil ganz besonders schrecklich: Gemeint sind hier nicht nur Flucht und Vertreibung sondern die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/1945.
Die meisten und die ersten Opfer dieser Untaten trafen Frauen und Mädchen in Ostpreußen. Dieser Teil Deutschlands war weit weg von Berlin, aber nahe an Russland (der damaligen Sowjetunion). Auf Landkarten und in Atlanten wirkte die geographische Lage Ostpreußens wie der weit ausgespannte Flügel eines Vogels - bildlich gesprochen: wie ein Flügel des deutschen Adlers.

Im Oktober 1944 begann für Ostpreußen die Katastrophe; denn der russische Bär stürzte sich – in dem von Hitler gegen die Sowjetunion begonnenen Angriffskrieg – zunächst auf Ostpreußen, mit schlimmen Folgen vor allem auch für Frauen und Mädchen.

Opfer dieser Gewalttaten, die später auch in anderen Regionen stattfanden, waren übrigens nicht nur Deutsche, sondern auch in ihren Heimatländern Österreicherinnen, Ungarinnen und Jugoslawinnen, ja sogar – wenn auch seltener – Polinnen. Der russische Schriftsteller Lew Kopelew schreibt über ein in Allenstein von Sowjetsoldaten gejagtes Mädchen, es habe verzweifelt geschrien: „Ich bin Polin! Jesus, Maria, ich bin Polin!“

Auch das Alter der Opfer spielte keine Rolle; selbst junge Mädchen im Kindesalter wurden nicht geschont. In dem Buch „Frau, komm! Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45“ findet sich eingangs der Bericht einer Augenzeugin aus dem Ort Perwiessen/Ostpr. über das Schicksal eines elfjährigen Mädchens, das nach seiner Vergewaltigung und in Erwartung weiterer Vergewaltigungen durch russische Soldaten seine Mutter anflehte: „Würg mich tot, Mutti, schnell, sie schleppen mich wieder raus.“ Vater und Mutter, die das Mädchen schützen wollten, wurden erschossen.

Ohne Übertreibung kann festgestellt werden, dass die Vergewaltigungen 1944/45 sowohl von der Zahl der Opfer (mehr als eine Million) als auch von der nicht seltenen Brutalität (mehrmalige Vergewaltigung, oft sogar mit Todesfolge) zu den schlimmsten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges gehören.

Wie kam es nun zu dem Buch „Frau, komm!“? Was waren meine
Beweggründe, mich mit diesem schrecklichen Thema zu befassen?

Im Vorwort nenne ich einen sachlichen Beweggrund und einen persönlichen. Der sachliche Beweggrund ist, dass jene Untaten und das durch sie verursache Leid bisher nicht die Aufmerksamkeit gefunden haben, die ihnen gebührt. Gewiss: Es gibt inzwischen Bücher, Erlebnisberichte, Interviews und Dokumentationen, in denen jene Ereignisse vorkommen. Als Beispiele können genannt werden „Das ostpreußische Tagebuch“ von Hans Graf Lehndorff; die unter dem Titel „Eine Frau in Berlin“ veröffentlichten (und später verfilmten) Tagebuch-Aufzeichnungen der Anonyma; das Buch von Ingeborg Jacobs „Freiwild. Das Schicksal deutscher Frauen 1945“; Interviews mit Zeitzeuginnen in Dokumentationsfilmen von Guido Knopp; schon früh das von Heike Sander und Barbara Johr herausgegebene Taschenbuch „Befreier und Befreite“. Krieg, Vergewaltigung, Kinder“. Der Wert dieser und anderer Darstellungen darf nicht gering veranschlagt werden – im Gegenteil: er ist beträchtlich. Jedoch war das Thema „Vergewaltigung“ in jenen Darstellungen meist nur ein Thema neben anderen, vor allem als ein Teil der Geschichte von Flucht und Vertreibung.

Mein sachliches Anliegen war es dagegen, ein Buch zu schreiben, das sich allein und deshalb ausführlich mit den Vergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45 befasst. Was geschah damals tatsächlich? Warum wird so wenig darüber geschrieben? Warum sind die Opfer stumm und warum schweigen die Täter? Was war die Struktur der verübten Gewalt und welche Erklärungen lassen sich für jene Gewalttaten finden? Welches war die Rolle der russischen Offiziere? Wie erlebten Kinder die Vergewaltigungen ihrer Mütter oder Schwestern?

Für die Beantwortung dieser und anderer Fragen waren für mich besonders wichtig die Berichte von Zeitzeugen, ganz besonders die von Opfern – alles nicht leicht zu lesen oder anzuhören, sondern meist menschlich nur schwer zu verkraften.

Was bringt nun jemanden dazu ein Buch über diese vielen, zum Teil unvorstellbaren Gewalttaten gegen wehrlose und an Hitlers Krieg völlig unschuldige Frauen und Mädchen zu schreiben? Was war mein persönlicher Beweggrund, sich mit diesem harten Thema zu beschäftigen? Um ehrlich zu sein: Meine Motivation entstand fast zufällig, nämlich durch das nach mehr als vierzig Jahren erfolgte Wiedersehen mit einer früheren Schulkameradin. Ich fragte sie nach ihren Erlebnissen beim Einmarsch der Russen in ihr Dorf in der Mark Brandenburg. Von ihren Erlebnissen war für mich das von meiner Schulkameradin geschilderte Schicksal ihrer älteren Schwester von besonderem Interesse. Weil die Familie von den vorher erfolgten Vergewaltigungen gehört hatte, schmierte die Mutter sich in ihr Gesicht Marmelade und Streuseln, um abstoßend zu wirken; die Mutter ahnte dabei nicht, dass die Soldaten sich statt ihrer an der Tochter vergreifen würden: Die 17-Jährige wurde in ein Zimmer im Obergeschoss des Hauses gezerrt und dort vergewaltigt, während die Mutter und die Geschwister in einem Raum im Erdgeschoss eingesperrt worden  waren. Dort hörten sie mit Schrecken Schüsse aus dem Obergeschoss – sie befürchteten für die Tochter das Schlimmste; jedoch hatten die Vergewaltiger sich nur den „Spaß“ gemacht in die Zimmerdecke zu schießen, dies, um das Opfer und dessen Familie zu erschrecken.

Weil ich Näheres dazu aus dem Munde des Opfers selbst erfahren wollte – das Thema hat mich seitdem nicht mehr losgelassen – bat ich meine Schulkameradin um ein gemeinsames Treffen mit ihrer Schwester. Das Treffen fand statt, war aber insofern nicht sehr ergiebig, als sie nur Andeutungen über jenes Geschehen machte.

Als ich im Verlauf der Recherchen zu meinem Buch sie anschrieb und um ein nochmaliges Treffen bat, um noch einige Fragen stellen zu können, lehnte die heute 80-jährige Frau dies ab; sie schrieb mir: „Ich habe mich das letzte Mal, wie Du hier warst, hinterher so aufgeregt. Es ist mir alles wieder durch den Kopf gegangen, ich war krank. Also es gibt kein noch mal.“

Ich habe daraus gelernt: Über den Vergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45 liegt ein Mantel des Schweigens.
Viele Opfer schweigen; sie machen allenfalls Andeutungen; sie möchten darüber, was ihnen widerfahren ist, nicht sprechen, was durchaus verständlich ist; denn die Vergewaltigung einer Frau oder eines Mädchens ist nicht irgendeine Straftat oder irgendeine Körperverletzung – sie verletzt den Intimbereich und die Seele des Opfers.

Die Täter schweigen, nicht etwa weil sie eine Bestrafung durch russische Gerichte befürchten müssten, sondern weil sie wissen, dass die oft unter Waffengewalt erzwungene Vergewaltigung einer Frau oder eines Mädchens keine Heldentat ist: Nicht die Opfer sondern die Täter müssen sich schämen.

Die Gesellschaft schweigt, weil es in Deutschland üblich ist, sich mehr mit den Verbrechen  d e r   Deutschen zu beschäftigen als mit Verbrechen   a n  Deutschen.

Einer der rd. 20 von mir angeschriebenen deutschen Verlage schrieb mir, das Buch „passt nicht in unser Programm“. So ist das Buch schließlich nicht in einem deutschen, sondern in einem österreichischen Verlag erschienen, was wiederum dem Autor kritisch vorgehalten wurde.

Persönlich berührt haben mich nicht nur die Gespräche mit Opfern, sondern auch mit deren Kindern, die heute natürlich längst schon ältere Menschen sind. Mein Eindruck aus diesen Gesprächen ist:
Viele Kinder von Frauen, die unter der sowjetischen Besatzungsherrschaft gelebt haben, sind unruhig und unsicher, wenn sie auf das Thema „Vergewaltigungen am Ende des Krieges“ angesprochen werden: Die Kinder wissen über das Schicksal ihrer Mütter in jener Zeit nichts Genaues (eben weil die Mütter nicht  darüber sprechen); die Kinder schwanken deshalb zwischen der Hoffnung, dass der Mutter damals nichts angetan worden ist und der Furcht, dass ihrer Mutter dasselbe geschehen ist wie so vielen anderen Frauen und Mädchen jener Zeit. Klarheit darüber ist in vielen Fällen nicht mehr zu erreichen; denn viele Opfer haben das Wissen um ihre Leiden mit ins Grab genommen.

Umso wichtiger ist die Pflege von Erinnerungskultur. Es sollte dabei nicht um Gefühle von Wut auf die Täter oder um Rufe nach Sühne gehen (obwohl auch nur eine einzige Äußerung der Entschuldigung ein gutes Zeichen von offener Selbstkritik wäre), sondern um das Mitgefühl mit den Opfern, um die Hochachtung davor, wie sie unter den damals schwierigen Lebensverhältnissen mit ihrem Leid gelebt haben (ich sage nicht: damit fertig geworden sind – ein solches „Fertigwerden“ gibt es wohl nicht), und schließlich auch um die Dokumentation historischer Wahrheit, die nichts, aber auch nichts mit „Revisionismus“ oder „Aufrechnung“ zu tun hat.

Die Leiden von unschuldigen Menschen in Kriegen zu dokumentieren ist nicht nur erlaubt sondern geboten.

Ich habe mich diesem Gebot gestellt und hoffe, dass dies kein Alleingang bleibt.

Quelle:
Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt Ausgabe 21/14, 24.05.2014

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