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Nation - Teil 2

 


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Die österreichische Nation (Teil 2)
Von Dr. Walter Kristanz

Der „österreichische Mensch"1

Dieser Begriff, von der Literatur (Grillparzer) geprägt, kam in der Spätzeit der Monarchie auf. Er richtete sich außenpolitisch gegen ein von Preußen geführtes Deutschland, innenpolitisch gegen den aufkeimenden Nationalitätenstreit. Eine Kontinuität zur "österreichischen Nation" kann daraus nicht gefolgert werden, da gerade Grillparzer eine Übersteigerung des Nationsbegriffes befürchtete.

Im Ersten Weltkrieg hatte die erneute Propagierung des österreichischen Menschen wiederum nur eine antipreußische Motivation, weil man eben im Bündnis der schwächere Partner war, ebenso in der Ersten Republik, als einige Autoren den österreichischen Menschen als europäische Art des Deutschtums definierten (Hanslik, Müller, der Hesse Schmitz). Der Grundton war jedenfalls nicht grundsätzliche Absetzung vom Deutschtum, sondern von einem überheblichen Preußentum;2 eine österreichische Identität - so bedauert Heer3 - war damit nicht verbunden.

Die Parteien und die österreichische Nation

Die moderne Parteienlandschaft Österreichs entstand in der zweiten Hälfte des 19.Jh. Der Frage der Volkszugehörigkeit wurde in den Parteiprogrammen bis 1938 eine wesentlich größere Beachtung geschenkt als nach 1945. Die Ursachen sind wohl im Nationalitätenkampf der Monarchie, in der allgemein bestrittenen Existenzfähigkeit der Ersten Republik und in der Anschlussbewegung an Deutschland zu sehen.

Das nationale Lager

Der 1910 gegründete Deutsche Nationalverband4 umfasste den Großteil der nationalliberalen Parteien, nur radikale Splittergruppen blieben ihm fern. Er war eine lockere Dachorganisation von Parteien mit teils unterschiedlichen Zielsetzungen. Die wachsende Sorge der Deutschen der westlichen Reichshälfte um die Wahrung ihres "nationalen Besitzstandes" in Schule und Verwaltung war das einigende Element. Geburtsstunde dieser Parteien war das nach Königgrätz erzwungene Ausscheiden aus dem Deutschen Bund; die zunehmenden Nationalitätenkämpfe waren der Nährboden für die völkische Ideologie.

In folgenden Aufrufen, Erklärungen und Programmen wurde der "nationale Geist" der Deutschen Zisleithaniens beschworen5: Krickl-Programm (1868), Programm der Deutschnationalen in Graz (1870), Erklärung des Deutschen Volksvereines (1870), Schönerers "Mein Programm" (1879), Friedjung-Programm von 1880, Aufruf zur Gründung einer deutschnationalen Partei (1881), Kundgebung des deutschnationalen Vereines (1882). Das Linzer Programm der Deutschnationalen von 1882, an dem Viktor Adler mitgearbeitet haben soll,6 fasste alle bisherigen Äußerungen zusammen und betonte vor allem in Ab.2 und Ab.3, P.8 diese Grundhaltung. Es folgten Schönerers Wahlaufruf (1885), das Programm der Deutschen Volkspartei (1896), das Programm der Deutschen Gemeinbürgschaft (1897), das Pfingstprogramm (1899) als Reaktion auf die Sprachenverordnung des Ministerpräsidenten Badeni von allen deutschen Parteien beschlossen) und die Parteigrundsätze der Deutschen Arbeiterpartei (1913).

In der Ersten Republik7 wurde dieses Gedankengut von der 1920 durch Zusammenschluss kleinerer nationaler Parteien gegründeten Großdeutschen Volkspartei im Salzburger Programm übernommen: man beachte den allgemeinen Teil über die Volksgemeinschaft des deutschen Volkes und die Anschlussforderung im besonderen Teil. Auch der 1922 ins Leben gerufene Landbund für Österreich, eine unabhängige Bauernpartei, bekannte sich in seinen Leitsätzen von 1923 als nationale Partei und zum Zusammenschluss aller deutschen Stämme in Mitteleuropa. Andere rechte bzw. rechtsextreme Parteien, die allerdings nie in den Nationalrat gelangten, waren ebenso gesinnt (vgl. z.B. P.1 und 2 des NSDAP-Programmes).

Die Sozialdemokratie

In den ersten programmatischen Äußerungen8 vom Manifest an das arbeitende Volk 1868 bis zur Prinzipienerklärung des Hainfelder Parteitages 1889 wird an die internationale Solidarität der Arbeiter über alle Sprachgrenzen hinweg appelliert. Dennoch hatte sich die Sozialdemokratie ständig mit dem Deutschnationalismus auseinanderzusetzen, nicht nur weil ein Großteil ihrer Führerschaft (Adler, Pernerstorfer, Friedjung) der deutschnationalen Bewegung entstammte. Marx und Engels definierten nämlich Nation als Sprachnation und betrachteten Nationalstaaten mit einheitlichem Wirtschaftsgefüge als historische und ökonomische Notwendigkeit in der Phase der bürgerlichen Revolution. Ebenso traten Lasalle und Schweitzer (Nachfolger Lasalles als Präsident des Allgemeinen Deutschen Arbeiterverbandes) für die Zerschlagung der Habsburgermonarchie und die Angliederung der deutschsprachigen Gebiete an einen deutschen Nationalstaat ein.9 In konsequenter Fortführung dieser Linie forderte Otto Bauer den Anschluss an das Deutsche Reich, da für ihn die bürgerliche Revolution die Vorstufe einer sozialistischen war - eine ideologische Position, die er auch noch 1938 vertrat.10

In der praktischen Politik war die Sozialdemokratie von Spaltungen durch den Nationalitätenkampf bedroht. Die klare Trennung der Arbeiter durch die Sprache ist bereits im Programm der tschechischen Arbeiterschaft (1877) erkennbar.11 Bei der Reichstagswahl 1907 teilte sich die Sozialdemokratie in nationale Gruppierungen, Italiener, Tschechen, Polen und Deutsche, auf.12 Vor allem wird die Trennung deutlich im Artikel von Austerlitz in der Arbeiterzeitung vom 5. 8. 1914 ("Der Tag der Deutschen Nation"), in dem mit stillschweigender Billigung der Parteiführung der Kriegsausbruch begeistert begrüßt wurde.13 Nach Kreisky14 ist gerade dieser Artikel ein Beweis für die großdeutsche Grundgesinnung der - deutschsprachigen - österreichischen Sozialdemokratie.

Die Programme versuchten daher durch die Betonung des Internationalismus diese Klippen zu umschiffen, so z.B. das Brünner Nationalitätenprogramm von 1899.15 Dennoch taucht immer häufiger die Selbstbezeichnung „deutsche Sozialdemokratie" auf,  z.B. in der Resolution der 2. Reichskonferenz 1916, der Programmatischen Erklärung der "Linken" 1917 und der Resolution des sozialdemokratischen Parteitages 1917.16 Vielleicht drängte sich dabei die Erinnerung an den Eisenacher Kongress von 1869 auf, bei dem sich die österreichische Arbeiterbewegung als deutsche konstituierte.17

Das Nationalitätenprogramm der "Linken" von 1918 wird deutlicher.18 Einleitend wurde festgestellt, dass das deutsche Volk durch die Geschichte in drei Dutzend Staaten zersplittert wurde, die deutsche Revolution von 1848 scheiterte und mit Österreich auch 10 Millionen Deutsche aus dem Deutschen Bund ausgeschlossen wurden. In P.4/1 zählte man die Sprachgebiete auf, P.4/2 enthielt eine Wahlforderung für jedes Sprachgebiet.

Anschlussforderungen in der Ersten Republik sind nachzulesen im Aktionsprogramm des Verbandes sozialdemokratischer Abgeordneter von 1919 im P.IV19 und im Linzer Programm von 1926 im P.IV20. Letztere wurde allerdings am Parteitag 1933 "angesichts der durch den Faschismus im Deutschen Reich veränderten Lage" gestrichen.21

Die damalige deutschnationale Gesinnung der Sozialdemokratie  bezeugt auch der Streit um die Hymne: Nicht Kernstocks “Sei gesegnet ohne Ende“,  sondern Hoffmann von Fallerslebens „Deutschland, Deutschland über alles, ….“ musste auf Anordnung des sozialdemokratischen Stadtschulrates von Wien in den Schulen geübt und bei geeigneten Anlässen gesungen werden, weil es „der gefühlsmäßige und auch der offizielle Ausdruck des Einheitsbewusstseins des gesamten deutschen Volkes ist“ und „um so die nationale und republikanische Erziehung zu fördern.“22

Einen Erklärungsversuch für die heute verschwiegene deutschnationale Gesinnung der Sozialdemokratie liefert Neck: die Anschlussideologie sei eine Sache der Führer und nicht der Arbeiterschaft, die sich eher gleichgültig verhalten hätte, gewesen.23 Konrad relativiert mit der Behauptung, dass sich das Kulturverständnis der Arbeiter eben allein auf ihr (deutsches) Sprachbewusstsein bezogen hat.24

Die Christlichsozialen

Die Christlichsozialen waren in der Monarchie in der Frage der Volkszugehörigkeit zurückhaltend. Erst im Wahlmanifest zur Reichstagswahl 1907 bekannten sie sich als deutsche Partei, die für den ideellen und materiellen Besitzstand des deutschen Volkes eintreten wird.25 Ähnlich lautete die Formulierung im Wahlprogramm von 1918.26 Das Parteiprogramm der Wiener Christlichsozialen (1919) enthielt zwar keine Anschlussforderung, trat jedoch für die Bewahrung des deutschen Charakters von Wien und gegen die Einbürgerung von Juden ein.27 Im Programm der Gesamtpartei von 1926 (P.VIII) findet sich das Verlangen nach der Gleichberechtigung des deutschen Volkes in der europäischen Völkerfamilie und die Ausgestaltung des Verhältnisses zum Deutschen Reich auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes.28

Waren die Christlichsozialen in der Anschlussfrage eher zögernd, so hielten sie dennoch in der Ersten Republik an der deutschen Volkseinheit fest. Im Korneuburger Gelöbnis des ihnen politisch nahe stehenden Heimatschutzverbandes Niederösterreich (18.5.1930) wurde u.a. geschworen: "Jeder Kamerad fühle und bekenne sich als Träger der neuen deutschen Staatsgesinnung." (Der spätere Bundeskanzler Raab legte wie fast alle Teilnehmer ebenfalls auf dieses Gelöbnis einen Eid ab, nur der Christlichsoziale Dengler lehnte ab.29)

Der von Dollfuß begründete sog. Ständestaat beharrte zwar in Abwehr der Hitlerschen Politik auf der Eigenständigkeit Österreichs, betonte aber dabei den deutschen Charakter Österreichs noch stärker. Österreich galt im Vergleich zum nationalsozialistischen Deutschland als besserer deutscher Staat und Bewahrer des guten deutschen Geistes. Diese Aussagen wurden zuerst in der berühmten Trabrennplatzrede von Dollfuß am 11.9.1933 (Österreich ist deutsches Land; Ablehnung des falschen Nationalismus als bewusste gute Deutsche) getroffen, setzten sich in seiner Radiorede anlässlich der Verkündung der neuen Verfassung 1934 fort30 usw.

Schuschnigg, der sich immer als Deutscher bezeichnete, ließ sich gleichlautend vernehmen.31 Hier ergaben sich erstaunliche Gemeinsamkeiten mit einigen Großdeutschen (Prodinger, Mittermann) und Landbündlern, die für eine unabhängige großdeutsche und zugleich österreichische Linie der Republik waren und in der Praxis an der schwarzen Diktatur scheiterten, während andere (Foppa, Langoth) ihr Heil in einem Zweckbündnis mit der NSDAP suchten und dabei vollends untergingen.32

Diese Ständestaattheorie, zur ideologischen Abwehr der Hitlerschen Anschlusspolitik konzipiert, hatte zweifelsohne ihren Vorläufer in Gedanken des eh. Kanzlers und Parteiführers Seipel (gest. 1932), der für ein Kulturdeutschtum eintrat und die begriffliche Übernahme der Staatsnation auf Österreich als Irrtum ablehnte.33 Dieser Idee wird aber auch eine offensive Variante (vor allem bezogen auf Dollfuß) unterlegt: „Österreich, der deutsche Staat der Ostmark“ sollte nicht nur eine Sendungsaufgabe für das ganze deutsche Volk, sondern auch eine kulturelle für das abendländische Christentum erfüllen,34 deren Umsetzung durch die Einheitspartei des Ständestaates erfolgen sollte wie Bärnthaler mit Blick auf Definitionsschwierigkeiten der österreichischen Idee – aus heutiger Sicht fast entschuldigend klingend – ausführt, „ohne dass man sich dabei zur Idee einer „österreichischen Nation“ versteigen müsste, was in der Ersten Republik kein vernünftig Denkender getan hat. (…) So wurde folgerichtig von einem österreichischen Staatsgedanken gesprochen und das Ziel der VF in der Zusammenfassung aller Staatsangehörigen auf dem Boden eines selbständigen, christlichen, deutschen, berufsständisch gegliederten Bundesstaates Österreich gesehen (§2 des Bundesorganisationsstatutes 1934).35

Heimatblock

Diese von Starhemberg geführte Partei war eine Abspaltung der Heimwehr, bekannte sich zum faschistischen Vorbild Mussolinis, und erhielt bei Nationalratswahlen 1930 8 Mandate. Ab 1932 war sie in Regierungskoalition mit Christlichsozialen und Landbund. In den Grundsätzen trat sie für den Zusammenschluss mit dem deutschen Bruderreich unter dem Ziel eines deutschen Ständestaates ein.36

Die österreichische Nation

In der zeitlichen Reihenfolge wurde dieser Begriff offenbar zuerst von Karl Winter eingebracht, der im Ständestaat einer der Vizebürgermeister von Wien war.37 Sein Ausgangspunkt war, wer Österreich als zweiten deutschen Staat betrachtet und das österreichische Volk als deutsches, müsse den österreichischen Staat negieren. Winter folgerte, dass Österreich sich im Prozess der Trennung von Deutschland befinde, daher könne man von einem österreichischen Volk, einer österreichischen Nation sprechen. Seine Überlegungen fanden in kleinen monarchistischen Zirkeln, für die sie auch gedacht waren, Anklang, jedoch nicht bei seinen Parteifreunden in der Vaterländischen Front. Vielleicht wurde er deswegen als Vizebürgermeister entlassen, obwohl keineswegs eine Breitenwirkung der Theorie gegeben war. Erst in den siebziger Jahren wurde diese Komponente in den Archiven wieder entdeckt.

Die KPÖ trat noch 1933 für die Vereinigung von Sowjetösterreich mit Sowjetdeutschland ein; am 7. Weltkongress der Komintern 1935 erklärte ein KPÖ-Sprecher, dass die Unabhängigkeit Österreichs auch nichts gemein mit der Ideologie eines österreichischen Patriotismus hätte, denn das österreichische Volk sei ein Teil des großen deutschen Volkes; zum 1. Mai 1936 lautete noch die KPÖ-Parole "Für das arbeitende deutsche Volk in Österreich".38

Rechtsaußen Golowitsch schildert unter Zitierung zeitgenössischer kommunistischer Funktionäre (West, Marek, Zucker-Schilling) die Begleitumstände des kommunistischen Schwenks:39 In den dreißiger Jahren machte die UdSSR innen- und außenpolitisch eine schwierige Phase durch. Die Achse Berlin-Rom und die Entkrampfung des Verhältnisses Deutschland zu Österreich (Juli-Abkommen 1936) schufen einen großen antikommunistischen Block mit Ausstrahlung auf Nachbarländer in Mitteleuropa. Unter diesen Rahmenbedingungen trat am 11.5.1936 das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationalen in Moskau zusammen. Deren Generalsekretär Dimitroff befahl in dieser Sitzung wegen der Anschlussgefahr der KPÖ einen Kampf um die "nationale Selbständigkeit Österreichs". Der KPÖ-Vorsitzende Koplenig ordnete daher im Juli 1936 eine "wissenschaftliche" Untersuchung der Besonderheit des österreichischen Volkes an. Klahr publizierte dann in einer Artikelserie der Zeitschrift "Weg und Ziel" die ideologisch-historische Begründung der österreichischen Nation.

Die neue "Wahrheit“ verkündete Klahr seinen spärlichen Lesern nur scheibchenweise, zumal sich herausstellte, dass die Stalinsche Definition einer Nation wegen ihrer Vieldeutigkeit völlig unbrauchbar war. Klahr schrieb zunächst vorsichtig von deutschen Österreichern, fand dann den Weg über Stalin zur staatlichen Selbständigkeit durch die Trennung Österreichs vom Reich 1866/1871. Golowitsch sieht in der Überbetonung des Staatsgedankens in der Nationswerdung Anklänge an die faschistische Definition Mussolinis.40 Nicht alle KPÖ‑Genossen konnten diesen Gedankensprüngen so ohne weiteres folgen.41 Wer nach einer gewissen Übergangsphase der neuen Entwicklung nicht zustimmen mochte, wurde von der KPÖ als Trotzkist gebrandmarkt und ausgeschlossen.42

Während des Hitler-Stalin-Paktes von 1939-1941, musste die KPÖ von ihrer eigenen Theorie offenbar wieder abrücken43, nur in einer Publikation liest man, dass die Kommunisten den Widerstand trotz einiger ideologischer Verwirrung fortgesetzt hätten.44 Belegbar ist aber erst wieder ein Manifest der KPÖ für den nationalen Widerstand gegen die deutsche Unterdrückung aus dem Jahr 1944.45

Die kommunistische Variante - über deren Fundament in der Moskauer Führungsspitze 1945 offenbar noch Differenzen und Zweifel bestanden46 - war genauso eine Defensivkonzeption gegenüber Hitler wie die Ideologie des Ständestaates und die monarchistischen Anstrengungen.

Die Marionetten Moskaus wurden für ihre neue Theorie mit Spott und Hohn bedacht, auch von den revolutionären Sozialisten, einer Linksabspaltung der Sozialdemokratie.47 Der Anschluss änderte vorerst nichts an der Negierung der kommunistischen Herleitung einer österreichischen Nation durch die Sozialdemokratie. In London setzte sich 1938 Czernetz (nach 1945 SPÖ-Abgeordneter zum Nationalrat) mit Klahrs These unter Hinweis auf Stalin auseinander. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Österreicher deswegen keine Nation seien, weil sie deutsch sprechen und keine historisch herausgebildete Sprachgemeinschaft darstellen und die Gemeinschaft des Territoriums und des Wirtschaftslebens 1918 nur von den Alliierten verhindert worden sei, es keine eigene österreichische Geschichte und Kultur gebe usw.48 Die Mehrheit der Sozialdemokraten im Exil blieb großdeutsch gesinnt, nur eine Minderheit war für eine allmähliche Eigenständigkeit Österreichs, auf die 1942 Czernetz noch replizierte, dass die antideutschen Tendenzen in Österreich nicht als nationales Element zu betrachten seien.49 Die schwedische Exilgruppe der Sozialdemokratie lehnte den Anschluss ab, gab jedoch in ihrer Resolution vom 28. 7. 1943 keine Antwort auf die Frage der Volkszugehörigkeit.50 Nach Maimann kam es im Laufe der Jahre bei den Sozialdemokraten zu Positionsvariationen zum Anschluss und zur Nationstheorie, z.B. die Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht, das allerdings nicht als nationales, da Österreich - nach damaliger Ansicht - keine eigene Nation sei, sondern als politisches Anliegen verstanden wurde.51 In diesem Sinne darf wohl auch die Bemerkung Schärfs zu Leuschner ("der Anschluss ist tot“) 1943 verstanden werden.

Nachrichten aus dem christlich-konservativen Lager von 1938 – 1945 über unser Thema sind spärlich. Den ÖVP-Historikern genügt der sehr allgemein gehaltene Hinweis auf den durch die NS-Herrschaft und die Lagerstraßen von Dachau und Mauthausen entstandenen Gesinnungswandel der Christlichsozialen.52 Nur für Monarchisten, einen ehemaligen Schuschnigg-Minister (Rott) und Zernatto (Generalsekretär der Vaterländischen Front) sind in der Literatur Belege für ein Bekenntnis zur österreichischen Nation in diesen Jahren zu finden.53 Es gab aber offenbar auch christliche Splittergruppen, die großdeutsch dachten.54 Die österreichische Nation wurde erst 1945 von der ÖVP sehr lautstark aufgegriffen.
 
_______________________
Literatur:
 
1  Vgl. Zöllner: Der Österreichbegriff 1988, S.86ff.
2  Vgl. ebd. S.88.
3  Vgl. F. Heer: Der Kampf um die österreichische Identität, 1981, S.211ff.
4  Vgl. Lexikon zur Geschichte der Parteien in Europa, 1981, S.450ff.
5  Vgl. K. Berchtold: Öst. Parteiprogramme 1868-1966, 1967, S.179ff.
6  Über Friedjung und Adler vgl. F.Kaufmann: Sozialdemokratie in Österreich, 1978, S.21f.
7  Vgl. Berchtold, S.439ff. Vgl. A. Wandruszka: Das “nationale” Lager, S.282, 293 und 310. In: E.Weinzierl/K.Skalnik: Österreich 1918-1938, Bd.1, S.277-315.
8  Vgl. Berchtold, bes. S.318.
9 Vgl. H. Konrad: Wurzeln deutschnationalen Denken in der österreichischen Arbeiterbewegung, 1978, S.19ff. In: H. Konrad: Sozialdemokratie und Anschluß, S.19-30.
10  Vgl. neben Konrad auch Autoren anderer Lager, z.B.: R. Kriechbaumer: Von der Illegalität zur Legalität, 1985, S.235ff; R. Üblagger: Die nationalen Traditionen der öst. Sozialdemokratie, 1985, S.217ff. In: Österreich und die deutsche Nation, S.217-231.
11  Gedruckt bei Berchtold. 
12  Vgl. Kaufmann, S.39. 
13  Vgl. ebd., S.52ff. 
14  Vgl. B. Kreisky: Zwischen den Zeiten. 1986, S.151.

15  Vgl. Berchtold, S. 144f.
16  Vgl. ebd., S.149f, S.151ff, S.156ff,
17  Vgl.
Konrad, S.23. 
18  Vgl. Berchtold, S.158ff.
 
19  Vgl. ebd., S.233f.
20  Vgl. ebd., S.234f.; Vgl. A.Kadan/A.Pelinka: Die Grundsatzprogramme der öst. Parteien, 1979, S.93. 
21  Vgl. Kaufmann, S.302.
22  F. Grasberger: Die Hymnen Österreichs, 1968, S.128f. 
23  Vgl. R.Neck: Sozialdemokratie, S.229. In: Osterreich 1918-1938, Bd.1, S.225-248. 
24  Vgl. Konrad, S.54f. 

25  Vgl. Berchtold, S.174ff.

26  Vgl. ebd., S.356ff. 
27  Vgl. ebd., S.363ff. 
28  Vgl. ebd., S.374ff. 
29  Vgl. Walter Kleindel: Österreich. Daten zur Geschichte und Kultur, 1995, S.338; Gelöbnis gedruckt auf S.337. 
30  Die Belege für diese Gesinnung sind zahlreich, vgl. ebd. S.45f oder auch G. Jagschitz: Der  öst. Ständestaat 1934-38, S.508. In: Österreich 19181938, Bd.1, S.497-515. 
31  Vgl. Kriechbaumer, S.241. 
32  Vgl. Wandruszka, S.305ff. 
33  Vgl. Kriechbaumer, S.242ff. 
34  Vgl. J.  Messner: Dollfuß, 1935, S.81. 
35  Irmgard Bärnthaler: Die Vaterländische Front, 1971, S.122. 

36  Vgl. Berchtold, S.403f. 

37  Vgl. Kriechbaumer, S.241f; Golowitsch, S.199. 
38  Über die Kehrtwendung der KPÖ vgl. Neugebauer: Die nationale Frage im Widerstand, 1978, S.88f. In: Konrad, S.88-93. 
39  Vgl. Golowitsch, S.202ff. Vgl. Neugebauer, S.89 
40  Vgl. ebd., S.204 
41  Vgl. H.Steiner: Die Kommunistische Partei, S.325. In: Österreich 1918-1938, Bd.1, S.317-329. 
42  Vgl. Neugebauer, S.89 
43  Vgl. ebd., S.90f. und Kriechbaumer, S.260f. 
44 Vgl. F. Kreissler: Der Österreicher und seine Nation, 1984, S.234, Anm.32 zitiert das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, nennt aber keine Belege. 
45  Vgl. Neugebauer, S.91. 
46  Wenn man dem Vielschreiber Ernst Fischer: Das Ende einer Illusion, 1973, S.22, Glauben schenken darf. 
47  Vgl. Neugebauer, S.89 
48  Vgl. K. Czernetz in „Der sozialistische Kampf“ Nr.9 (24.9.1938), S.208-211 und Nr.10 (8.10.1938), S.233-237. Zitiert nach: Kreissler, S.175ff, Kaufmann, S.384ff. 
49  Zitiert nach Kreissler, S.257 
50  Resolution gedruckt bei Kreisky, S.391. 
51  Vgl. H.Maimann: Der März 1938 als Wendepunkt im sozialdemokratischen Anschlussdenken, 1978, S.66. In: Konrad, S.63-70. 
52  Vgl. Kriechbaumer, S.12ff. 
53  Vgl. Kreissler, S.263f, 304 und 337f. 
54  Vgl. Neugebauer, S.93. 
 

Quellen:
Grafik: Archivmaterial;
Text: www.flv.at/Fm023/nation2.htm


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