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Eine Reise in die eigene Vergangenheit
Interview mit Erika Steinbach
Das Gespräch führte Claus Christian Malzahn

Heute fährt Erika Steinbach nach Danzig - begleitet von Protesten. Im Interview verrät die Vertriebenen-Chefin, was sie an Polen schätzt

Welt am Sonntag: Frau Steinbach, am Sonntag fahren Sie nach Polen, um dort Vertreter der deutschen Minderheit zu treffen und deutsche und polnische Opfer des Zweiten Weltkriegs zu ehren. Als Sie das Land in der Vergangenheit besucht haben, wurden oft Puppen verbrannt, die Ihren Namen trugen.

Erika Steinbach: Ja, das ist des Öfteren vorgekommen, ob ich nun in Grünberg oder Warschau war. Für manche polnische Nationalisten gehört das wohl zum Standardprogramm. Aber diese Akteure, die politisch zum rechten Lager gehören, sprechen nicht für das gesamte Polen, sondern für den nationalistischen Teil. Mit der Regierung des Liberalen Donald Tusk haben sich solche schrillen Töne deutlich abgeschwächt.

Welt am Sonntag: Der polnische Historiker und frühere Außenminister Wladyslaw Bartoszewski hat Ihnen den Handschlag verweigert. Eine typische Reaktion?

Erika Steinbach: Bei den Jüngeren erlebe ich Toleranz und Offenheit. Vor einigen Jahren hatten wir eine polnische Praktikantengruppe im Deutschen Bundestag, die mich um ein Gespräch gebeten hat. Anderthalb Stunden haben wir intensiv miteinander diskutiert. Am Ende haben sie mir gesagt, dass sie die Aufregung um meine Person in Polen überhaupt nicht verstehen und dass wichtige Informationen, die sie von mir erhalten haben, in polnischen Zeitungen nirgendwo zu lesen sind.

Welt am Sonntag: Konservative polnische Politiker fordern, der deutschen Minderheit ihre Rechte abzuerkennen, wenn wir den Polen in Deutschland nicht ähnliche Privilegien zuerkennen - zum Beispiel eine Vertretung im Parlament.

Erika Steinbach: Auch das sind Forderungen aus dem nationalistischen Lager. Aber sie beunruhigen natürlich die deutsche Volksgruppe in Polen. Sie hat ihren Minderheitenstatus als Jahrhunderte alteingesessene Bevölkerung. Das ist ein Unterschied zu den nach Deutschland als Arbeitskräfte zugewanderten Polen, Italiener oder Türken. Ich sehe aber nicht, dass der Minderheitenstatus der Deutschen in Polen in Gefahr ist.

Welt am Sonntag: Ist das auch eine Reise der Privatfrau Erika Steinbach in ihre ganz persönliche Geschichte? Sie wurden 1943 in Rahmel bei Danzig geboren.

Erika Steinbach: Es ist eine dienstliche Reise, um mit Vertretern der deutschen Volksgruppe Gedanken auszutauschen und Probleme zu erörtern. Diese sechste Reise nach Polen führt mich nun erstmals in die Region, in der ich geboren wurde. Da halte ich es für selbstverständlich, dass ich auch zu meinem Geburtsort Rahmel einen kurzen Abstecher mache. Persönliche Erinnerungen habe ich nicht - ich war ja noch nicht einmal zwei Jahre alt, als wir geflohen sind. Leider ist eine Polin, die mir vor einigen Jahren schrieb, dass sie mit mir als Kind wie mit einer Babypuppe gespielt habe, vor einem Jahr verstorben. Sonst hätte ich sie sehr gerne getroffen.

Welt am Sonntag: Ihr Vater war als Soldat der Luftwaffe in Rahmel, das auch 1937 schon zu Polen gehörte, stationiert. Er hat dort Ihre Mutter kennengelernt. Welche Rolle hat diese Zeit in Polen später in Ihrer Familie gespielt, als Sie in Hanau groß wurden?

Erika Steinbach: Mein Vater kam erst 1949 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Dann hat er versucht, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Erzählungen über Rahmel, den Krieg oder die Gefangenschaft gab es zunächst kaum. Als Kind hat mich das alles auch wenig interessiert, das kam erst später. Meine Mutter hat uns später von der sehr dramatischen Flucht mit dem Schiff über die Ostsee erzählt. Das Begleitschiff wurde torpediert und sank. Unser Fluchtschiff kollidierte in der Dunkelheit mit einem anderen Schiff und hatte ein Leck von fünf Meter Durchmesser - zum Glück oberhalb der Wasserlinie. Gegen Ende der dreiwöchigen (!) Fahrt nach Stralsund gab es keine Nahrungsmittel mehr an Bord und fast nichts mehr zu trinken. Aber noch schlimmer als die Flucht empfand meine Mutter dann die Zeit in den Notunterkünften für Flüchtlinge in Schleswig-Holstein, wo wir einquartiert waren. Zwölf Menschen in zwei Zimmern waren ganz normal. Aber schockierend war für sie etwas anderes: Als meine Mutter einen Bauern um etwas Milch für meine Schwester bat, sagte der: "Ihr seid ja schlimmer als die Kakerlaken." Das hat sie erschüttert. Sie hat das nie vergessen. Selbst etwas Milch war manchem Bauern für uns Flüchtlinge zu viel.

Welt am Sonntag: Auch wegen solcher Erfahrungen haben die Vertriebenen in den 50er- und 60er-Jahren eher zur SPD gehalten. Die CDU galt als Partei der alteingesessenen Westler. Herbert Wehner sprach 1966 auf einem SPD-Parteitag unter einem Plakat "Dreigeteilt? Niemals". Spielten solche Forderungen bei Ihnen zu Hause eine Rolle?

Erika Steinbach: Bei uns zu Hause habe ich sie nicht gehört. Aber es gab sie landauf, landab. Solche Forderungen waren damals selbstverständlich. Das war gängige Sprache und kein spezieller Jargon der Vertriebenen. Als der Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten sich 1961 auflöste, sind zumindest in Hessen die meisten seiner Anhänger zur SPD gewechselt. Alle führenden SPD-Politiker standen damals, anders als heute, eisern an der Seite der Vertriebenen, auch Willy Brandt und Erich Ollenhauer. Als die Schlesier Mitte der 60er-Jahre ein Treffen hatten, schickte der SPD-Vorstand ein Telegramm mit dem Satz: "Verzicht ist Verrat". Heute reduziert man solche Äußerungen auf die Vertriebenen. Das trifft aber nicht die Nachkriegswirklichkeit.

Welt am Sonntag: Der polnische Außenminister Sikorski sagt, die Familie Steinbach wäre mit Hitler nach Polen gekommen und hätte mit Hitler auch wieder aus Polen verschwinden müssen.

Erika Steinbach: Meine Eltern haben es sich doch nicht ausgesucht, als sie im Zweiten Weltkrieg in das besetzte Polen geschickt wurden. Beide waren noch nicht einmal volljährig, als Hitler an die Macht kam. Es ist schon interessant, dass mir das immer vorgehalten wird. Ich war noch keine zwei Jahre alt, als der Krieg zu Ende ging. Kein Pole, auch kein Nationalist, käme auf die Idee, unseren ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker aufzufordern, nicht nach Polen zu reisen, weil er am 1. September 1939 zu den Wehrmachtsoldaten gehörte, die das Land damals überfallen haben. Zudem haben wir in unserer Familie nicht nur unsere Fluchterfahrung. Der schlesische Teil der Familie, der väterlicherseits seit Jahrhunderten dort beheimatet war, wurde 1946 in Viehwaggons gepfercht und aus Glatz und Neurode vertrieben. Sie landeten in der früheren SBZ/DDR. Im Übrigen, solange ich privat oder nur als Bundestagsabgeordnete nach Polen gereist bin, gab es keinerlei Probleme. Die begannen mit meiner Wahl zur BdV-Präsidentin, dann aber massiv. In dieser Funktion gehört man offenkundig zum fest implementierten Feindbild in Polen, eine unselige Erbschaft aus kommunistischer Zeit.

Welt am Sonntag: Wenn man in Danzig auf dem Marktplatz steht, fühlt man sich an Bremen erinnert. Und in Breslau findet man eine Sichtachse von einer gotischen Kirche auf ein Bauhaus-Büro, ein sehr deutscher Blick. Trotzdem sind Danzig und Breslau seit Langem polnische Städte. Wie erleben Sie diesen Widerspruch von Schein und Sein?

Erika Steinbach: Ich war zwar bislang weder in Breslau noch in Danzig, aber in Posen. Auch das ist eine deutsch geprägte Stadt. Ich rechne es Polen hoch an, dass sie diese Städte in ihrem Kern bewahrt haben, die architektonischen Denkmäler geradezu mustergültig renovierten und sich diesem deutschen Erbe stellen. Diese Städte sind elementarer Teil europäischer und deutscher Kultur. In Deutschland ist man leider mit der beschädigten und überkommenen Bausubstanz wenig pfleglich umgegangen. Viel zu oft wurden Bagger anstelle von Restauratoren eingesetzt.

Welt am Sonntag: Breslau war eine große preußische Metropole und blüht heute auch wieder. Verstehen Sie, dass die Polen zu Preußen ein gespaltenes Verhältnis haben müssen?

Erika Steinbach: Die junge Generation in Polen ist neugierig und gräbt wissbegierig in der Geschichte. Vieles hat sich entkrampft und wird sich weiter entkrampfen. Und in Breslau, höre ich oft, ist die Stimmung ohnehin entspannter als beispielsweise in Warschau.

Welt am Sonntag: Polen ringt seit dem Zusammenbruch des Kommunismus um Distanz zu sich selbst und seinen nationalen Mythen. Haben Sie sich schon mal von sich selbst distanziert?

Erika Steinbach: Das ist meine mentale Überlebensstrategie. Man muss das tun. Wenn ich diese ganzen Attacken persönlich nehmen würde, würde manches sehr wehtun und verletzen. Ich schütze mich mit der Einsicht, das nicht ich als Person, sondern mein Amt angegriffen wird. Damit kann ich dann leben. Auch in dem Wissen, dass es meinen Vorgängern nicht besser ergangen ist. Für eine gerechte Sache nehme ich es dann hin.

Welt am Sonntag: Haben Sie Freunde in Polen?

Erika Steinbach: Die Zahl meiner Sympathisanten in Polen hält sich bestimmt in sehr engen Grenzen. Alles andere wäre aufgrund der polnischen Berichterstattung über meine Person geradezu ein Wunder. Aber in dem Moment, in dem ich den Menschen persönlich begegne und ins Gespräch kommen kann, schwinden Vorbehalte und wachsen auch Sympathien. Das erlebe ich immer wieder. Einer meiner Fraktionsmitarbeiter für den Bereich Menschenrechte und humanitäre Hilfe ist ein junger Pole, in Danzig geboren. Er wird mich auf der Fahrt nach Polen begleiten.

Welt am Sonntag: Was bewundern Sie an den Polen?

Erika Steinbach: Den Satz: Noch ist Polen nicht verloren. Dass dieses Volk in all den Jahrhunderten, in denen es als Nation geteilt war, selbst während der Okkupation und Besatzungsherrschaft der Nationalsozialisten und der Kommunisten, danach unter kommunistischer Herrschaft, den Glauben an sich selbst und seine nationale Identität nicht aufgegeben hat, bewundere ich zutiefst. Dieser Glaube an sich selbst hat den Polen Kraft gegeben, damit haben sie die härtesten Zeiten überstanden. Ich weiß nicht, ob uns Deutschen das bei einem vergleichbaren Schicksal gelungen wäre. Wir geben uns ganz schnell auf und zerfließen.

Quelle:
Foto: Welt Online - 21.05.2011;
Text: Welt am Sonntag Online - 22.05.2011,
www.welt.de/print/wams/politik/article13386566/Eine-Reise-in-die-eigene-Ver...

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weitere Informationen:
24.05.2011:
Kalte Schulter für die Deutsche
www.welt.de/print/die_welt/politik/article13390454/Kalte-Schulter-fuer-die-Deutsche.html;

23.05.2011: Ein Handkuss für die Bestie www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~E72976418E80E42999FB1E11C19...;
23.05.2011: Rahmel zeigt Steinbach kalte Schulter
www.europeonline-magazine.eu/rahmel-zeigt-steinbach-kalte-schulter_130831.html;

22.05.2011: Warschau ignoriert Erika Steinbach
http://www.tagesspiegel.de/politik/warschau-ignoriert-erika-steinbach/4205438.html;
21.05.2011: Polen sperren sich gegen Erika Steinbachs Besuch
www.welt.de/politik/ausland/article13385494/Polen-sperren-sich-gegen-Erika-Steinbachs...;
21.05.2011: Polen sperren sich gegen Erika Steinbachs Besuch

www.welt.de/politik/ausland/article13385494/Polen-sperren-sich-gegen-Erika-Steinbachs...;

20.05.2011: Kein roter Teppich für Steinbach in Rahmel
www.europeonline-magazine.eu/kein-roter-teppich-fuer-steinbach-in-rahmel_130196.html;
20.05.2011: In Polen wenig willkommen

www.suedkurier.de/news/brennpunkte/politik/In-Polen-wenig-willkommen;art410924,4899030;


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