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Das Ende der
Legende von der »Fistelstimme« |
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Tonaufnahme aus dem Jahre 1889 beweist, dass Reichskanzler
Otto von Bismarck kein schwaches Organ hatte
von Hinrich E. Bues
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Generationen
von Schülern mussten es lernen: Otto von Bismarck hatte eine „Fistelstimme“
oder ein schwaches Organ. Nun widerlegt die Entdeckung einer Tonaufnahme die
lange geglaubte Schulbuch-Weisheit. Auf einem der weltweit frühesten
Tondokumente aus dem Jahr 1889 ist der sonore Bass des „Eisernen Kanzlers“ zu
hören. Wie aber kam die Legende von der Fistelstimme in die Schulbücher?
Das Dokument mit Bismarcks Stimme wurde vor 123
Jahren in Friedrichsruh bei Hamburg aufgenommen. Man wusste aus zeitgenössischen
Presseberichten von der Aufnahme, aber konnte sie bisher nicht hörbar machen.
Erst der Fund des lange verschollen geglaubten „Phonographen“ im alten
Laboratorium des Telefon-Erfinders Thomas Edison in West Orange, New Jersey bei
New York, machte nun das Dokument hörbar.
Viel ist allerdings nicht zu hören, da die
Aufnahme sehr stark rauscht. Forscher zeigten sich wegen des Auffindens dieser
historischen Quelle dennoch begeistert. Bismarck gibt hier unvermutete
Kostproben seines weiten Geistes. Zu hören sind auf der Tonaufnahme nicht etwa
salbungsvolle Sätze über die deutsche Politik, sondern Bismarck singt auf
Englisch das amerikanische Lied „In Good Old Colony Times“ in den Phonographen.
Es folgen ein paar Zeilen aus dem Gedicht „Als Kaiser Rotbart lobesam“ von
Ludwig Uhland, bevor der alte Burschenschaftler das Studentenlied „Gaudeamus
igitur“ anstimmt. Schließlich gibt der Kanzler auch den „Rat eines Vaters an den
Sohn“ zum Besten und empfiehlt Maßhalten bei Arbeit, Essen und Trinken – wohl
aus eigener misslicher Erfahrung.
Dass der Mann, unter dessen Führung 1871
Frankreich besiegt wurde, ausgerechnet die „Marseillaise“, die französische
Nationalhymne, anstimmt, überrascht dann doch viele Hörer – wegen des fließenden
Französisch und dem pikanten Hintergrund. Wer sich mit Bismarcks Biografie
genauer beschäftigt hat, weiß natürlich, wie sprachgewandt der als Diplomat
Weitgereiste war, auch wenn die Schulbücher wiederum diese wichtige Seite
verschweigen mögen. Sein Biograf Jonathan Steinberg nennt Bismarck daher einen
„sehr, sehr geistreichen Mann“. Dass er ausgerechnet die Hymne Frankreichs
zitiert habe, müsse ihn selbst großartig amüsiert haben, kommentierte die „New
York Times“ die Entdeckung. Die zeitgenössische Presse hat die Passage mit der
Marseillaise wohlweislich verschwiegen, weil dies kaum dem Geschmack der
Verehrer des Kanzlers entsprochen hätte, da dieser zur Zeit der Aufnahme am 7.
Oktober 1889 noch als Kanzler regierte.
 Eine zweite Überraschung bieten die nun
aufgefundenen Tondokumente, weil auch der militärisch Verantwortliche für die
Einigungskriege in den Jahren 1864 bis 1871 zu hören ist. Generalfeldmarschall
Helmuth Graf von Moltke (1800–1891), der Mecklenburger in preußischen Diensten,
zitiert aus Goethes „Faust“. Diese Aufnahme ist besser als die von Bismarck zu
verstehen. Laut
Edison-Archiv ist Moltke der am frühesten geborene Mensch, von
dem es weltweit eine Tonaufnahme gibt.
Ulrich Lappenküper, Chef der
Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh, suchte zusammen mit seinen Mitarbeitern seit 2005 nach der
Hörbarmachung der Tondokumente. Bereits 1957 waren die Rollen entdeckt worden,
aber erst im letzten Jahr gelang die oben beschriebene Wiederauffindung des
ursprünglichen Apparates von Edison. Dass Otto von Bismarck sich im Jahr 1889
die Zeit nahm, der Anregung seiner Gattin Johanna folgend, Adelbert Wangemann,
einen Mitarbeiter Edisons, zu empfangen, mag oberflächlich gesehen verwundern.
Aber sie zeigt eine Seite des Kanzlers mit der bislang längsten Regierungszeit
in Deutschland, die ebenfalls oft unerwähnt bleibt: die ausgesprochene Offenheit
für alles Neue, technische Erfindungen insbesondere. Die Förderung junger
Unternehmer, der Techniker und Ingenieure, lag ihm zeitlebens am Herzen. Von
diesem Aufschwung in der „Gründerzeit“, wo Weltfirmen wie Mercedes-Benz, Bosch,
Linde oder zahlreiche Maschinenbauer entstanden, profitiert Deutschland noch
heute.
Bleibt die Frage, wie die Legende von einem „fast
grauenhaft schwachen“ Organ oder eben der „Fistelstimme“ in die Schulbücher kam?
Eigentlich ist diese Frage kaum erklärlich, weil es schließlich aus über 50
Jahren politischen Wirkens genügend Zeitzeugen gab. Diese Personen müssten
eigentlich protestiert haben, wenn sie von der Legende seiner vermeintlich
schwachen Stimme gehört hätten. Anders wäre dies, wenn die Legende erst etwa 50
Jahre später entstanden wäre, in einer Zeit, wo viele dieser Zeitzeugen bereits
gestorben waren.
Damit befindet man sich am Ende des Zweiten
Weltkrieges, wo die allgemeine Verachtung alles Preußischen und Militärischen
modern wurde. Erfanden in dieser Zeit findige und zeitgeistgetreue Pädagogen die
Legende von der vermeintlich schwachen Stimme? Das wäre eine ausgesprochene
Diskriminierung aus ideologischen Gründen.
Gefragt sind daher jetzt die Historiker, die
eigentlich die Zeitzeugen und Originalquellen hätten kennen müssen. Eberhard
Kolb (78), emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Köln und
Autor einer Bismarck-Biografie meint dazu abwiegelnd: „Die Sache gehört für mich
eher in den Bereich der Groteske.“ Das sei nur „eine Masche, um die Geschichte
zu verkaufen“. Aus mehr als 50 Jahren politischer Reden wisse man, dass der
Kanzler eine hohe Stimme gehabt habe, besonders für einen „sehr großen, erst
schlanken, später beleibten Mann“. Aber von einer abnormen Fistelstimme sei nie
berichtet worden; das sei „fälschlich behauptet worden“, gibt Kolb nun zu.
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