|
| |
„De wat de Wiehnachtsarfte dich mehr eete“, sagte man
früher in Trautenau, Kreis Heilsberg – und wohl auch in manchen anderen ermländischen
Dörfern – von einem Schwerkranken, dessen Ende nahe bevorstand. In dieser sprichwörtlichen
Redewendung lebt ein alter ermländischer Weihnachtsbrauch. Am ersten Weihnachtsfeiertag
gab es nämlich im ganzen Ermland ein Erbsengericht zu Mittag: „de Wiehnachtsarfte“,
weiße Erbsen mit Speck oder manchmal auch mit Wurst. Man hatte merkwürdige Erklärungen
für diesen Brauch. In Klackendorf, Kreis Rössel, sagte man: „Das hängt mit der
Erbs’ünde zusammen.“ In Glockstein, Kreis Rössel, glaubte man, daß dann die
Erbsen gut geraten würden, und in Komainen, Kreis Braunsberg, hoffte man, dadurch
viel Geld zu bekommen. Tatsächlich handelt es sich hier um eine segenbringende
Speise, wie man sie an wichtigen Anfangsterminen verzehrte. Dieser Brauch erinnert
noch jetzt daran, daß der 25. Dezember um die Mitte des 4. Jahrhunderts von
Rom aus als Jahresanfang bestimmt wurde und daß noch im Jahre 1310 eine Kirchenversammlung
zu Köln den ersten Weihnachtstag als Jahresanfang für Deutschland festsetzte.
Auf evangelischem Gebiet kam der Brauch nur vereinzelt vor und zwar meistens
in Orten nahe der ermländischen Grenze. Wo sonst in den evangelischen Teilen
Ostpreußens ein Erbsengericht bekannt war, aß man es am Neujahrstag. Auch das
Vieh bekam im Ermland am ersten Weihnachtsfeiertag entweder Erbsen oder Erbsenstroh,
weil „Jesus auf Erbsenstroh gelegen hat“, wie man es allgemein erklärte. Ebenso
fütterte man die Hühner und Gänse mit Erbsen. In Raunau, Kreis Heilsberg, gab
man den Schweinen am ersten Weihnachtstag mit Schweinefett gekochte Erbsen.
Dann sollten sie nicht die Pocken bekommen. Im südlichen Teil des Kreises Rössel
lebte ein eigentümlicher Brauch: Dort steckte man einen Holzsplitter durch ein
Stückchen Speck von diesem Weihnachtserbsengericht. Das schob man unter den
Stubenbalken und ließ es dort jahrüber. Flechten, Geschwüre und Geschwülste
sollten verschwinden, wenn man sie mit diesem Speck bestrich. In Klawsdorf,
Kreis Rössel, rieb der Knecht mit diesem Speck beim ersten Pflügen den Zugochsen
das Genick ein, damit sie im Sommer kein steifes Genick bekommen sollten.
Dieses brauchtümliche Erbsengericht hat seine Ursprünge
in vorchristlicher Zeit. Einen viel größeren Raum im Leben der Ermländer nahm
aber das religiöse Brauchtum ein. Auch dieses konnte manchmal schon in stark
verweltlichter Form auftreten. Wenn zum Beispiel im Kreise Rössel, vor allem
im südöstlichen Teil, in der Weihnachtszeit die „Sternsinger“ herumzogen, dann
war man sich kaum noch bewußt, daß es sich um Reste alter szenischer Weihnachtsspiele
handelte, wie sie im Mittelalter in den Kirchen im Rahmen des Gottesdienstes
aufgeführt wurden. Einer der Sternsinger – man nannte sie auch „Sternjungens“
oder die „Weisen aus dem Morgenland“ – trug auf einer Stange einen drehbaren
Papierstern, in dem ein Licht brannte. In Robawen, Kreis Rössel, mußte er sieben
Ecken haben. Die Begleiter des Sternträgers waren die Heiligen Drei Könige.
Sie hatten weiße Hemden an und goldene Papierkronen oder hohe, spitze Papiermützen
auf dem Kopf. Der dritte, der den König aus dem Mohrenland darstellen sollte,
hatte sein Gesicht schwarz gemacht. Vielfach trug einer noch ein Schwert, was
an Herodes und seinen Kindermord erinnern sollte. Während sie zur Ziehharmonika
Weihnachtslieder sangen, wurde der Stern gedreht. Von den alten Texten waren
nur noch ganz selten einmal Reste erhalten.
So sprachen in Stockhausen, Kreis Rössel, drei Könige
gemeinsam:
„Wir sind die drei Könige aus dem Morgenland und ziehen
mit dem Schwert durch das ganze Land.“
Der Mohr hob das Schwert und sagte:
„Ich halte das Schwert in der rechten Hand und regiere
das ganze Morgenland.“
Das religiöse Brauchtum war immer an kirchliche Weihen
gebunden. Im ganzen Ermland sprengte man am Silvesterabend im Haus, um das Gehöft
und in den Ställen mit Weihwasser um, in vielen ermländischen Dörfern auch am
Weihnachtsabend. Auch das „Neujahrbacken“ war ein gut ermländischer Brauch.,
der noch bis 1945 lebendig war. Am 27. Dezember, dem Tage des Evangelisten Johannes,
weihte man im Ermland Wein, Bier, selbstgebrautes Hausbier („Schemper“) oder
auch nur Wasser, den sogenannten „Johannestrunk“. Aus diesem Johannestrunk und
aus Mehl bereitete man am Silvesterabend den Teig zum „Neujahr“, wie man im
Ermland dies Gebäck kurz nannte.
Für die Tiere wurden kleine, rohgeformte Tierfiguren gebacken,
die ihrer Gestalt entsprechen sollten: Pferdefiguren für Pferde, kleine Kühe
für die Kühe, Schafe für die Schafe, für den Hund und die Katze ihre entsprechende
Figur. Ursprünglich war es wohl überall so, wie es in manchen ermländischen
Familien auch noch in jüngster Zeit gehalten wurde, daß jeder die Figuren für
die Tiere zu backen hatte, die seiner Pflege anvertraut waren. Der Großknecht
buk also die Figuren für die Pferde, der Mittelknecht für das Vieh, der Hirtsjunge
für die Schafe usw. Den Rest buk die Hausfrau. Die Hühner und manchmal
auch die Gänse bekamen Nester mit Eiern, auf denen gelegentlich noch eine Glucke
saß. In Sternsee, Kreis Rössel, verfütterte man das „Huhn auf dem Nest“ nicht
sofort, sondern ließ es für die Glucke. Für die Obstbäume wurde im Ermland,
vor allem in den Kreisen Braunsberg und Rössel, von der Hausfrau ein „Bäumchen“
oder „Apfelbaum“ backen. Er wurde an die Bäume gehängt oder hinaufgeworfen.
Im südlichen Teil des Kreises Rössel buk man eine oder
mehrere Kornähren, die man statt des sonst üblichen Weihkrauts ins Sätuch einknüpfte
oder in die Saat bröckelte. Das war aber auch in Bürgerwalde, Lichtenau und
Millenberg, Kreis Braunsberg, bekannt. Im Süden des Kreises Rössel wurden auch
„drei Könige“ gebacken, kleine, fingerlange Männchenfiguren, die man alle drei
aneinander klebte und am Neujahrsmorgen am Balken über dem Tisch aufhing. Im
ganzen Ermland wurden aus diesem Teig auch Sterne gebacken, deren Verwendung
verschieden war. Meistens wurden sie von den Menschen gegessen oder an die Tiere
verfüttert. Im Kreis Braunsberg wurden diese „Sternchen“ von den Menschen jahrüber
in der Tasche oder im Rockfutter getragen. Sie wurden außerdem auch gegessen.
Im östlichen Winkel des Kreises hängte oder nagelte man das Sternchen über die
Tür, in Packhausen warf man eines in den Brunnen. Im Kreis Heilsberg waren diese
Sterne weniger bekannt. In den Kreisen Braunsberg und Rössel buk man in manchen
Dörfern aus dem Neujahrsteig kleine Brote für die Menschen. Daneben gab es vereinzelt
noch Kringel, eine Himmelsleiter, Sonne, Himmelswagen, Herz, Kranz und die „Unruh“,
d.h. ein Vögelchen, das an einem Faden am Balken aufgehängt wurde. Diese Figuren,
an deren Stelle in jüngerer Zeit vielfach schon einfache runde Kuchen traten,
wurden früher allgemein am Silvesterabend gebacken, nachtsüber in die Ofenröhre
gestellt und am Neujahrsmorgen dem Vieh ganz zerkleinert ins Futter gegeben.
Im Kreis Braunsberg, teilweise auch in der Heilsberger Gegend, wurden die Figuren
das ganze Jahr über aufbewahrt und erst am nächsten Neujahrstag dem Vieh gegeben.
Dort trugen in manchen Orten die Menschen einzelne Figuren auch jahrüber in
der Tasche, im Rockfutter oder in der Geldbörse. Der Sinn dieses religiösen
Brauchtums ist klar: Das Neujahrsgebäck soll den kirchlichen Segen auf Tier,
Mensch und Haus übertragen und alles Böse fernhalten. Am Neujahrstag ging man
auch in den Garten und klebte etwas von dem Neujahrsteig an die Obstbäume. Dabei
sagte man einen Spruch, der in Packhausen, Kreis Braunsberg, lautete:
„Boomke, eck jäw di Niejoahr, sie mi opt nechste Joahr
fruchtboar.“
Manchmal vermischte sich dieser wenigstens teilweise kirchlich
bestimmte Brauch auch mit einem alten, volkstümlichen Fruchtbarkeitsbrauch.
Ein Mann nahm einen anderen auf den Rücken und ging mit ihm an die Obstbäume,
an die dann der obere Teig strich. Das Kerngebiet dieses Brauches war der Kreis
Braunsberg, aber auch aus den anderen ermländischen Kreisen ist er gelegentlich
bezeugt. Im Kreis Rössel war er in Übereinstimmung mit dem natangischen und
bartenschen Gebiet abgewandelt. Dort trug ein Mann in der Neujahrsnacht einen
zweiten auf dem Rücken in den Garten; der obere schlug mit einer Axt an den
Baum und sagte dabei: „Boom, eck hau di af!“ Der andere antwortete darauf in
der Rolle des Baumes: „Hau mi nich af! Wenn’t mi sall jelinge, wa eck di dusenfeltje
Frichte bringe.“ Wahrscheinlich war der Brauch früher weiter verbreitet, denn
auch in Eschenau, Kreis Braunsberg, wußte man noch, daß in alter Zeit in der
Silvesternacht ein Mann ein Mädchen auf den Rücken nahm und mit ihr an die Obstbäume
ging. Dort warf er sich hin und sagte: „So scher wie ich trage, mußt du auch
Äpfel tragen!“ Viel weiter verbreitet ist der Brauch, die Obstbäume in der Neujahrsnacht
mit einem Strohseil zu binden. Im Kreis Rössel, vereinzelt auch im Kreis Heilsberg,
nahm man dazu das „Wurststroh“, das war das Stroh, auf dem die Grützwurst zum
Abkühlen gelegen hatte. In Voigtsdorf nahm man dazu Roggenstroh und hoffte,
daß der Baum dann soviel Äpfel tragen würde, wie Körner im Roggen gewesen waren.
In Sternsee, Kreis Rössel, hatte man vorher „Neujahrsgebäck“ auf das Stroh gelegt,
In Krausen, Kreis Rössel, besprengte man das Strohseil zuvor mit Weihwasser.
Darüber hinaus gab es in der Weihnachts- und Neujahrszeit
noch viel Brauchtum, das hier erwähnt werden müßte. Aber es war nicht auf das
Ermland beschränkt, sondern wurde gleichermaßen in den evangelischen Teilen
Ostpreußens geübt, so wurde vor allem der Schimmelreiterumzug in den Zwölften,
die vielen Arbeitsverbote in den Zwölften, der Orakelglauben dieser zwölf geheimnisvollen
Nächte, vor allem der Silvesternacht, aber auch das fröhliche Spielgut, das
jung und alt einst in dieser Nacht der Jahreswende verband. Was hier zusammengestellt
wurde, ist kennzeichnend für ermländisches Brauchtum.
|
 |
Text: Prof. Dr. ERHARD RIEMANN
Einsender: Jochen Zauner
Quelle: Das Ermland, herausgegeben
von der Landsmannschaft Ostpreußen,
Abteilung Kultur |
Diskutieren Sie diesen Beitrag in unserem
Kultur-Forum
|