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Twangste

 


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Twangste - Königsberg
Ein Beitrag von
Beate Szillis-Kappelhoff

Königsberg feiert sein 750-jähriges Stadtbestehen, und kompetente Historiker haben viel über die Ordenszeit oder die deutsche Zeit beizutragen. Dabei fällt allerdings seit etlichen Jahren auf, dass Königsberg oder Ostpreußen allgemein nur unter deutschen Aspekten betrachtet werden. So, als hätte es eine prußische Zeit nie gegeben. Diese Argumentation aber ist im Rahmen des neuen Europas fatal, denn sie überlässt die Geschichtsschreibung der litauischen und polnischen Sichtweise.

Wenn man Artikel in deutschen Printmedien, selbst im Ostpreußenblatt verfolgt, so scheint unsere Heimat immer eine deutsche Provinz gewesen zu sein, die erst seit dem Eintreffen des Ritterordens existent ist. Die Epochen davor werden einfach ausgeblendet. Als Negativ-Beispiel möge die verstorbene Gräfin Dönhoff dienen, die als Herausgeberin der „ZEIT“ großzügig auf Ansprüche verzichtet hatte und es nicht einmal nötig fand, die Nachkommen der prußischen Ureinwohner mit ihrem ganz anders gelagerten Heimatgefühl auch nur in ihre Gedankenwelt einzubeziehen. Ihre Vorfahren waren schließlich als Eroberer gekommen, und ganz in der Tradition ihrer sozialen Schicht betrachtete sie jene als dienende, stimm- und rechtlose Unterschicht. Genau genommen hat sie auf etwas verzichtet, das ihr nicht gehörte.

Nicht minder zu kritisieren ist unsere Landmannschaft, die in ihren Verlautbarungen oft nur rudimentäre Kenntnisse der ostpreußischen Geschichte außerhalb der Ordens- und Preußengeschichte offenbaren. So schrieb Herr v. Gottberg einmal von etwa zwanzig Generationen, die in ostpreußischer Erde ruhen. Richtiger wäre, von mindestens 150 Generationen zu sprechen. Vielleicht liegt es daran, dass die Funktionäre der Landsmannschaft ebenfalls vorwiegend deutscher und nicht prußischer Herkunft sind. Sie gehörten bis zum 2. Weltkrieg mehr oder weniger der ostpreußischen Oberschicht an, während die einheimische baltische Bevölkerung immer noch etwas herablassend behandelt wurde. Diese Haltung hat sich in der Landsmannschaft bis heute subkutan erhalten, denn eine Beschäftigung mit allen Facetten ostpreußischer Geschichte wird nicht sichtbar. So leckte man sich seit Kriegsende vorzugsweise die Wunden und überließ es zweifelhaften ausländischen Institutionen, die ostpreußische Geschichte umzuschreiben und sich bei der UNO und der EU als legitime Nachfolger Ostpreußens darzustellen. Dagegen behandelt die Web-Seite der Landsmannschaft die prußische Geschichte lediglich mit drei kleinen Absätzen, die zudem voller Fehler stecken. Um die Unkenntnis der Geschichte zu verstecken, werden diffuse Formulierungen verwandt. Hält man sich an die Darstellung unserer offiziellen Vertretung, dann beginnt die ostpreußische Geschichte etwa mit Christi Geburt. In wenigen Zeilen handelt man ein ganzes Jahrtausend ab, einschließlich Germanen, Völkerwanderung, baltischer Völker, baltischer Götterwelt und Wikinger und endet schließlich mit Bruno von Querfurt. Ab Ankunft des Ordens betritt man sicheres Terrain und wird ausführlich. Gäbe es nicht private Internet-Seiten zur Information, so wäre unsere Geschichte ganz der litauischen und polnischen Sichtweise überlassen.

Dabei ist es durchaus nicht schwer, Ostpreußens Geschichte bis in ihre Ursprünge zu erarbeiten, denn die Quellenlage ist gut. Allgemein bekannt scheint zu sein, dass die Prußen sich nach der Eroberung durch den Orden zunächst einmal erheblich gewehrt hatten, aber dann begegnet man oft der Ansicht, sie seien ausgerottet worden. Diese Ansicht ist durch nichts zu belegen; seriös ist, dass sie stark dezimiert wurden, aber noch im 16. Jh. über 60 % der Gesamtbevölkerung ausmachten. Ebenso wie fünf Jahrhunderte später die Preußisch-Litauer sahen die Prußen ihren Vorteil in der Assimilierung und waren sehr bestrebt, um der Karriere ihrer Kinder willen die eigene ethnische Herkunft zu verstecken und möglichst schnell möglichst deutsch zu werden. Eine Wende im Denken und ein Erinnern an die baltische bzw. masurische Vergangenheit Ostpreußens setzte im Zuge der Bismarck´schen Minderheitenpolitik ein. Man besann sich wieder auf die eigene Kultur und begann mit einer systematischen Erforschung der vorordenszeitlichen Geschichte dieser Region.

Meiner Meinung nach ist in diesem Jubiläumsjahr das Thema Königsberg aus üblicher deutscher Sicht schon recht „ausgelutscht“, weshalb ich meinen Vortrag umwidmen und mich mit dem Wohnplatz Twangste befassen werde. Kurioserweise findet man - übrigens sehr magere - Informationen über diesen Ort fast ausschließlich in litauischen Internetquellen. Das sollte skeptisch machen, denn im Zusammenhang damit wird man schnell auf Web-Seiten weitergeleitet, die den deutschfeindlichen so genannten „Kleinlitauern“ nahe stehen. Twangste wird stets verschleiernd als urbaltische Siedlung dargestellt, merkwürdigerweise nicht als prußische, obwohl die Prußen doch Balten sind. Ziemlich unvermittelt folgt dann der Hinweis, dass in Twangstes Nachfolgerin Königsberg die ersten litauischen Bücher gedruckt wurden. Auf diese Weise wird flugs ein zukünftiger litauischer Anspruch auf das Kaliningrader Gebiet konstruiert. Selbst Abstimmungslisten sind zu finden, die suggerieren, dass der Oblast am natürlichsten Litauen einzugliedern sei, wenn er einstmals von Russland aufgegeben wird. Immerhin bekommt man unter den Alternativen auch die Möglichkeit, einen Staat nach Hongkonger Vorbild anzukreuzen. Blättert man sich durch solche Web-Sites, so ist es üblich, Deutsche als Kolonialherren bezeichnet zu sehen, die sich das „baltische“ Twangste zueigen gemacht haben und nach 1945 rechtmäßig vertrieben wurden. Diejenigen Ostpreußen, die mit den Kolonialherren geflohen sind, können nur ethnisch Deutsche gewesen sein; und es wird unterstellt, dass alle in der Heimat verbliebenen Prußen leider von den Russen ermordet wurden, so dass es nur natürlich ist, dass die Litauer „ihren“ angestammten Platz im Twangster Gebiet einnehmen können. Lässt man sich auf Diskussionen mit den Betreibern solcher Internet-Seiten ein, so stoßen alle prußisch-ostpreußischen Argumente auf taube Ohren. Die Ideologie will man sich nicht zerstören lassen, und man gibt sich auch deshalb selbstsicher, weil diese Sicht von litauischen Politikern unterstützt wird.

Dieses Twangste ist ohne Zweifel weit älter als Königsberg und wird schon bei Tacitus neben dem Handelsplatz Truso als Ausgangspunkt der Bernsteinroute nach Rom erwähnt. Der Ortsname Twangste, auch Tuwangste, Twangst, Twongst, Twoyngst bezeichnete einen Siedlungsplatz, der im späteren Stadtteil „Burgfreiheit“ gelegen hat. Litauische Linguisten interpretieren den Namen als „Teich mit Damm“, und wir vermuten richtig, wenn damit der Schloßteich gemeint ist. Dieser Teich hatte in früheren Jahren einen offenen Abfluss zum Pregel. Nach deutschen Quellen leitet sich der Name Twangste jedoch aus dem Wort „wangus“ ab, was einen Holzschlag, eine Lichtung in einem halb gerodeten Eichwald bezeichnet. Auf diesen Namen werde ich später noch zurückkommen, wenn versucht wird, die Ortsgründung zeitlich einzuordnen.

Nachdem ich also beschlossen hatte, mich mit Twangste statt mit Königsberg zu befassen, stellte ich zu meinem Schrecken fest, dass es praktisch keinerlei seriöse Informationen darüber gibt, eine Erkenntnis, die ich auch bei Otto Schlüter wiederfand, der 1921 schreibt: „Merkwürdig ist es, daß sich aus den Quellen so wenig über die Stelle von Königsberg in vorritterlicher Zeit entnehmen läßt. Eine Preußenburg ist vermutet, aber anscheinend nicht nachgewiesen. Peter von Dusburg spricht nur davon, daß die Preußen das Kastell, das die Ordensritter 1225 an der zu seiner Zeit `alte Burg´ genannten Stelle nach dem dort befindlichen Walde Tuwangste genannt hätten.“ Daraus folgernd gab es also nur drei Denkansätze: Entweder war Twangste gar nicht existent, es war sehr unbedeutend oder die sich ausbreitende Stadt Königsberg hatte alles überdeckt, so dass Ausgrabungen wegen der dichten Besiedlung nicht in Angriff genommen werden konnten.

Das hatte zur Folge, dass hier eigentlich nur noch die Archäologen, Linguisten und Geografen weiterhelfen konnten, was wiederum zur Folge hat, dass ich meine Zuhörer bitten muss, mit mir eine Zeitreise bis zurück zur letzten Eiszeit zu unternehmen, um zu sehen, ob und wann dieses Twangste entstanden ist.

Ostpreußen wurde nach der letzten Eiszeit um 13.000 bis 10.000 v. Chr. zunächst von Jägern und Sammler besiedelt, die von Südeuropa kommend entlang der Küsten und Flüsse nord- bzw. nord-ostwärts drangen, um sich dort neue Nahrungsgründe zu erschließen, wobei die Weichsel als Wasserstraße eine entscheidende Rolle spielte. Sie zählten zu den alteuropäischen Kulturen, die sich dann zu Ackerbauern entwickelten. Aus dieser Zeit stammt der weiblich geprägte Aspekt der vorchristlichen heidnischen, genauer gesagt naturreligiösen Götterwelt. Dazu zählen die Sonnengöttin, die Erdgöttin, die Sonnenwendfeste, die Vergottung von Schlangen, Kröten, Schafen und Ziegen.

Die später in unsere Region dringenden vorbaltischen Völker gehören dagegen zu den Indoeuropäern. Sie waren zunächst Hirtennomaden aus den südrussischen Steppen und aus der heutigen Ukraine und siedelten in Dnjpr-Delta und am Schwarzen Meer. Etwa um 5.000 v. Chr. muss es ihnen gelungen sein, Pferde als Reittiere abzurichten. Es waren kleine, genügsame, schnelle und wendige Panje-Pferdchen, wie sie heute noch in den Steppen des Kaukasus und der Mongolei gebraucht werden. Damit eröffneten sich neue Möglichkeiten, lange Strecken zu überwinden, Beutezüge durchzuführen und andere Völker mit Krieg zu überziehen. Ihre Wanderungsrouten nach Ostpreußen führten, soweit keine Steppen und Heideflächen zur Verfügung standen, entlang der Flüsse Dnjepr- Pripjet- Narew bzw. Njemen/Memel. Flüsse galten nicht als Grenzen sondern als Verkehrswege, wie sie heute noch in Kanada oder im Amazonas-Gebiet zu finden sind.

Es gab insgesamt drei steinzeitliche Expansionswellen der Indoeuropäer:

Die erste (4.400-4.200) erreichte das Donaubecken, Bulgarien und Mazedonien und wies eine niedrige Kulturstufe auf.

Die zweite Welle (3.400-3.200) erreichte auch das spätere Ostpreußen und konnte bereits eine hohe Kultur ausweisen. Man findet aus dieser Epoche Werkzeuge aus arsenhaltigem Kupfer, Dolche, Äxte mit Schaftloch sowie Flachbeile nach transkaukasischer Art. In dieser Zeit bestehen Siedlungen an steilen, geschützten Flussufern oder auf Landzungen. Die Macht lag in Händen von Magnaten, deren Gräber durch stattliche Anlage und reiche Grabbeigaben beeindruckten. Funde weisen diese Menschen der Kugelamphoren-Kultur zu; sie waren bereits Züchter von Pferden, Rindern und Schweinen. Die Sozialstruktur und die symbolische Darstellung religiöser Anschauung entsprechen der Grabhügel-Kultur am nördlichen Schwarzen Meer. Aus dieser Zeit stammt der männliche Aspekt der naturreligiösen Götterwelt, nämlich die Vergottung von Pferd, Rind, Sternenhimmel, dem allerersten Gott Dewus oder Uckapirmos, den drei Hauptgöttern Perkunos, Potrimpos und Patollos, der später unter christlichem Einfluss zum Teufel Pikollos mutierte.

Die Indoeuropäer wurden vom Ackerbau und dem gut entwickelten Tauschhandel der Alteuropäer im östlichen Mitteleuropa angezogen. Entweder sie assimilierten sich mit den Alteuropäern oder löschten sie aus, denn aus einer Kultur sesshafter Ackerbauern entwickelte sich ein Hirtennomadentum. Statt geräumiger Langhäuser wurden wie in der Steppe kleine jurtenartige, halb in die Erde eingelassene Häuser gebaut. Die Bedeutung des Bernsteins nahm zu. Geschnitzten Grabbeigaben, auch solche erotischer Natur, lassen auf eine patriarchalische Sozialstruktur schließen.

Die dritte Welle (3.000-2.800), auch Grubengrab-Kultur genannt, vertreibt die Kugelamphoren-Kultur nach Westen: nach Holland, Irland und Skandinavien und wird durch die Schnurkeramik-Kultur ersetzt. Eine Assimilierung der Neuankömmlinge mit den alteingesessenen Bewohnern findet statt. Die Alteuropäer werden nicht ausgerottet, sondern übernehmen die neue Sprache, die Sozialstruktur und die patriarchalische Religion. Anthropologisch unterscheiden sich die Neuankömmlinge von den Alteuropäern, indem sie langköpfig sind, mit durchschnittlicher Gesichtsbreite, hochgewachsen und mit einer zur Breite hin tendierenden Statur. Aus dieser ethnischen Mischung entstanden die baltischen Völker.

Unser samländisches Gebiet betreffend, entwickelte sich die sogenannte Haffküsten-Kultur, die, wie der Name sagt, an den geschützten Lagunen der Ostsee siedelte. An den Flussmündungen, entlang der binnenlandigen Haffufer und an der Samlandküste entstanden frühe Handelsplätze. Funde zeigen, dass sich die Menschen aus Fischerei, Landwirtschaft und Jagd erhielten. Bevorzugt wurden jene Wohnplätze, die über sandige, wasserdurchlässige Böden an erhöhten Uferstellen verfügten. Lichtungen wurden wegen der freien Übersicht bevorzugt. Der Urwald war grundsätzlich feindlich und wurde nur zu Jagdzwecken aufgesucht, auch wenn er während dieser Periode der klimatischen Erwärmung lichter wurde und zusätzlichen Wohnraum bot. An Fischereigeräten fand man Flintwerkzeuge, Harpunen, Forken, Fischreusen, Körbe, Lindenbast-Netze, Kähne, Ruder und Stakstangen. Auf der Jagd hielt man sich wesentlich an Robben und Wasservögel.

Für die Landwirtschaft benutzte man Werkzeuge aus Geweihschaufeln, Hauen, Handmühlen, Feuersteinklingen und Sensenblätter. Gefunden wurden das Getreide Emmer, eine primitive Weizenart, sowie Mahlsteine. Vor der Einführung des Flachses, der das Leinen-Weben ermöglichte, trugen die Menschen Kleidung aus Rindenbast und Pelzen. Betrieben wurde auch die Zucht von Rindern, Pferden und Hunden. In dieser Epoche gelang auch die Zähmung des Schafes, woraus sich die Herstellung von Filzkleidung sowie die Kultur-Techniken Stricken und Häkeln entwickelten.

Um 3.000 v. Chr. macht sich ein fremder Zustrom aus westlichen Kulturen bemerkbar. Menschen, die im Kolonialland nicht auf Gewohntes verzichten wollten und deshalb auf ihren erprobten Wanderwegen auch rückwärtige Handelsbeziehungen aufrechterhielten, sorgten für einen regen kulturellen Austausch. So gibt es aus dieser Epoche Werkzeuge aus Rügen, Salz aus Mitteldeutschland sowie schlesischen Serpentin. Als Tauschobjekt ist Bernstein anzunehmen, denn der wurde in Pommern, Brandenburg, Mitteldeutschland, Norwegen, Finnland, Schlesien, Nordrussland und im Nordkaukasus gefunden. Breslau und Leysuhnen bei Heiligenbeil waren wohl die Hauptumschlagplätze, denn dort fand man in Handelshöfen, die als Zwischenlager dienten, 8 bzw. 3 Zentner samländischen Rohbernstein.

Grabfunde deuten auf einen Ahnenkult und den Glauben an ein Leben im Jenseits. Aus den Einzelfamilien und dem Jagdverband entwickelt sich die Sippe. Bezeichnenderweise bedeutet der prußische Wortstamm „ginta“ gleichzeitig „jagen“ und „Familie“. Der Sippe gehören Feldmark und Wasserfläche zur gemeinsamen Nutzung und man gibt sich gegenseitig Schutz und Beistand. Das prußische Wort „tauto“ bedeutet Sippe, Land, Gemeinde, Volk und entspringt derselben indoeuropäischen Wurzel wie das Wort „deutsch“(thiuda). Geführt wird die Sippe von einem Ältesten, dem „waispattis“, was wörtlich übersetzt „Gastvater“ oder „Gastgeber“ bedeutet. Auch wenn später die Polygamie bis zu drei Ehefrauen erlaubte, gilt für diese Epoche die Monogamie, wobei es sich wahrscheinlich weniger um ein Ehepaar im heutigen Sinn gehandelt haben dürfte sondern um Brautraub. Wörter für Pflug, Egge, Rad, Achse, Nabe zeugen von der Kenntnis des Wagens.

Aus der Haffküsten-Kultur entwickelte sich die westbaltische, also prußische und kurische Bronzezeit, danach die frühe Eisenzeit.

In der Bronzezeit (2.000 bis 150 v. Chr) blüht das Handelsgeschehen im Samland, wobei die Dörfer in den Kreisen Fischhausen und Cranz die reichsten archäologischen Funde aufweisen. Steinäxte sind ungarischen Kupferäxten nachgebildet, und auch Spiralarmbänder zeigen Ähnlichkeit mit denen aus Ungarn. Bronze wird aus einer Legierung aus Kupfer und Zinn hergestellt, wobei der Zinnanteil allmählich auf 10 % ansteigt und so die Bronze härter macht. Die chemische Zusammensetzung deutet auf Kupfer aus dem südwestlichen England, aus Spanien und dem Salzkammergut in Österreich. Daraus ist zu schließen, dass es in Ostpreußen selbst keine Bronzeindustrie gab sondern im Austauschverkehr mit Bernstein importiert wurde. Ebenfalls gab es Handelsbeziehungen zu den Gießerei-Werkstätten im nördlichen Kleinasien.

Im Gegensatz zu den Gebieten westlich der Weichsel findet im Samland noch die Ganzkörperbestattung in Hügelgräbern statt, die der gesamten Sippe über mehrere Generationen zur Verfügung stehen. In Ostpreußen kamen Kulturimpulse aus anderen Zentren stets langsamer an und schlugen sich nur allmählich durch, so dass alte Formen hier ein längeres Nachleben und mehr Spielraum zur Entwicklung hatten. So finden sich neben modernen Metallgegenständen immer noch alte Steinwerkzeuge in Gebrauch.

In der jüngeren Bronzezeit (1.000 bis 500 v. Chr) verstärkt sich der westliche Einfluss, denn auch im Samland geht man zur Brandbestattung über. Inzwischen hat hier auch die Metallindustrie einen Aufschwung erfahren, was etliche Metall-Depotfunde beweisen, die auf einheimische Gießereien schließen lassen. Bei dem in Littausdorf gefundenen Kupfer ist dasselbe Verunreinigungs-Verhältnis wie beim englischen Kupfer zu finden. Da Littausdorf an der Ostsee liegt, darf auf einen Seehandel mit England geschlossen werden.

Erstaunlich ist, dass die Dörfer im Samland einen „Boom“ erleben, von Twangste dagegen nichts in Erscheinung tritt. Liegt es zu weit im Landesinneren? Gegen diese Vermutung spricht, dass es entlang der Flüsse Handelswege ins Binnenland gab, wie Funde in Gerdauen beweisen. Der Metallgießer war nämlich zugleich auch Händler für Waffen und Schmuck, der mit seinen Pferden als Tragtieren durch die Lande zog. Zudem zeigen die stein- und bronzezeitlichen Karten lediglich Fundorte, die etwa bei Juditten, also westlich von Twangste liegen. Es muss also davon ausgegangen werden, dass es etwas gegeben haben muss, das Twangste als Siedlungsort unattraktiv wenn nicht gar unmöglich gemacht hat und dass Twangste zu dieser Zeit noch nicht existiert hat.

Auch in der Eisenzeit (500 v. Chr. bis 50 n. Chr) behält das Samland seine wirtschaftliche Bedeutung. Die Wirtschaftsbeziehungen zu Gebieten westlich der Weichsel halten an und beeinflussen die samländischen Sitten. Moderne Spinnwirbel mit Webegewichten halten Einzug, kobaltblaue Glasperlen mit Emaille-Einlagen werden anstelle des Bernsteinschmuckes bevorzugt.

Auch die Änderung der Grabsitten deuten auf neue Gedanken und Vorstellungskomplexe metaphysisch-religiöser Natur. Das Fortleben nach dem Tode war nicht mehr durch den Körper bedingt, worauf die Brandbestattung schließen lässt. Neu sind jetzt Urnen, die manchmal auch mit einem Gesicht verziert sind und einen Deckel erhalten, der mit einem sogenannten „Seelenloch“ versehen ist. Das deutet auf eine dualistische Scheidung zwischen Körper und Seele. Da man nichts über die Beschaffenheit der Seele weiß, vermutete man sie in der Asche oder in den Knochenresten, die deshalb in einer Urne gesammelt werden mussten. Damit die Seele jedoch ihren Weg zu den Göttern finden konnte, ließ man oben das Loch. Die Bestattungsweisen werden wohl der Bauweise des Wohnplatzes und dem täglichen Leben entsprochen haben, denn die runden Hügelgräber mit teilweise mehreren Steinringen entsprachen den Muldenhäusern mit ihren Umzäunungen.

Die Wirtschaft war inzwischen vorwiegend bäuerlich. Es gab Landeigentum, während die Jagd abschwächte. Als Haustier kam die Ziege hinzu, das Rind wurde als Zugtier gebraucht, während das Pferd als Reittier oder der vornehmen Wagenbespannung diente. Der Übergang vom Hackbau zum Hakenpflug verstärkte die Sesshaftigkeit, was wieder etliche Änderungen sozialer und religiöser Art nach sich zog, denn dadurch bekamen die Menschen ein engeres Verhältnis zur Natur und mussten sich über Werden und Vergehen, über die Naturgeschehen, über den Einfluss von Sonne, Mond und Naturgewalten Gedanken machen. Von der Natur war der Mensch abhängig, und er musste sich ihr Wohlwollen erringen oder ihren Zorn besänftigen.

Wirtschaftlich blieb das Samland ein Knotenpunkt. Anregungen und Moden kamen weiterhin aus dem Süden, neu waren jetzt aber Beziehungen nach Gotland. Die Goten hatten bereits aus klimatischen Gründen zwischen 800 bis 300 v. Chr. Züge nach Süden unternommen, und siedelten vorwiegend in der Gegend um Danzig. Aus dieser Zeit stammt die ostpreußische Sage von den gotischen Brüdern Widewuto und Bruteno, von denen angeblich die zwölf prußischen Stämme abstammen. Der Name der Stadt Elbing, die sich anstelle des alten Handelsplatzes Truso etablierte, ist ebenso germanisch wie der Fluss Elbe und bedeutet „Weißwasser“, während sich das prußische Truso ebenso wie der Drausensee vom prußischen Wort „drusin“ ableitet, was „salzig“ bedeutet.

Gräberfunde aus dieser Zeit weisen in Ostpreußen ein großes stilistisches Durcheinander aus. Neu sind Keramiken mit matt glänzender Politur, die auf Graphit-Beimengung deuten, die beim Erstarren von Eisen entsteht. Die Metallindustrie hatte also einen Aufschwung erlebt. Schmuck wird nun auch in Gusstechnik hergestellt, und die Waffenindustrie blüht, denn die mit Säureätzung hergestellten Verzierungen deuten auf ein kriegstüchtiges Volk. Während frühere Funde durchaus auf friedliche Handelsbeziehungen weisen, scheint es jetzt nötig geworden zu sein, sich mit Waffen zu verteidigen Während es vorher keine Waffengräber gab, tauchen sie in dieser Epoche vermehrt auf. Worin liegt der Grund für diese Änderung? Er ist eindeutig bei den Goten zu suchen, die sich zunächst in Pommern angesiedelt hatten und nun begannen, Druck nach Osten ins Landesinnere nach Galindien ebenso wie nach Norden in Richtung Samland zu machen. Aber sie müssen auch entlang der Haffküsten bis hoch nach Memel gedrungen sein, denn überall wo sie Einfluss nehmen, setzt wieder Körperbestattung ein. Von der Haffküste aus verbreiten sich diese gotischen Einflüsse ins Landesinnere.

Was Twangste angeht, wird es jetzt in der Gotenzeit allmählich spannend, denn erstmals weist eine archäologische Karte ein Waffengrab im Königsberger Stadtgebiet aus, nachdem an dieser Stelle während sämtlicher Epochen zuvor keinerlei Funde nachweisbar sind. Wohl gab es in der Nähe entlang des Pregels steinzeitliche Funde, aber niemals dort, wo Twangste zu vermuten ist. Befassen wir uns aber zunächst einmal mit jenen Wohnplätzen, die älterer Natur sein müssen und ziehen zu diesem Zweck die Königsberger Stadtkarte von 1945 hinzu. Diese benennt nämlich einige Stadtteile, die vom Namen her prußisch sind, im Verhältnis zu den Dörfern im Samland jedoch recht unbedeutend gewesen sein müssen. Westlich zum Haff hin liegt der Stadtteil Kosse, der sich von prußisch „kussis“ ableitet und auf einen Bewuchs mit kleinen krüppeligen Bäumen deutet. Etwas nördlicher im Landesinnern liegt die vermutlich älteste Siedlung Laak, denn dieser Name weist auf den Haselstrauch „lagzde“, dessen Nüsse schon Jägern und Sammlern Nahrung boten. Noch östlicher pregelaufwärts findet sich der Stadtteil Sackheim, der sich von „saks“ und „kaymis“ ableitet, also Kiefernharz-Dorf bedeutet. Schließlich findet sich nördlich von der Burgfreiheit der Stadtteil Tragheim. Dieser Ortsname leitet sich von „trakas“ und „kaymis“ ab und bedeutet ebenso wie das berühmte Trakehnen „Dorf in der Lichtung“. Südlich des Pregels findet sich lediglich das prußische Ponarth, das sich von „po“ und „narit“ ableitet und „in der Nähe des Untertauchens“ bedeutet, also auf ein Überschwemmungsgebiet hinweist. Bezeichnenderweise liegt es in der Nähe des späteren Stadtteils „Nasser Garten“. Selbst der Name der Dominsel, Kneiphof, bezeichnet nicht etwa ein uriges Kneipenviertel, sondern das prußische Wort „knipawe“ bedeutet schlicht, dass dieser Ort ständig umflutet oder überschwemmt war, also eher einen ungemütlichen Wohnplatz darstellte. Er wurde dann auch erst in der Ordenszeit befestigt und bewohnbar.

Das spätere Stadtgebiet von Königsberg entstand also ähnlich wie Berlin aus etlichen Dörfern und wurde von Prußen besiedelt. Warum aber besiedelten die Prußen nicht die Anhöhe, auf der Twangste entstanden ist? Was hatte dieses Areal für negative Eigenschaften, obwohl es von der Lage her objektiv für einen Wohnplatz geeignet schien? Es lag etwa 20 Höhenmeter über dem Pregel auf einer wasserdurchlässigen Anhöhe, bot gute Aussicht auf eventuell sich nähernde Feinde und lag in günstiger Entfernung zu Wasserstellen, alles in allem ideale Voraussetzungen zum Wohnen.

Noch einmal zur Erinnerung: Wir befinden uns in der Gotenzeit, einer kriegerischen Zeit, und just jetzt findet sich erstmals ein Fund in der Nähe der Burgfreiheit innerhalb des Königsberger Stadtgebietes, nämlich ein Waffengrab. Erinnern wir uns ebenfalls, dass im Ortsnamen Twangste das Wort „wangus“ steckt und dass dies eine Lichtung in einem durch Holzschlag halbgerodeten Eichwald bezeichnet. Jetzt ist es an der Zeit, sich mit diesem Wort näher zu befassen und die Linguisten heranzuziehen, die uns erklären, dass das Wort „wangus“ ein gotisches Lehnwort ist und im Schwedischen „freies Feld“ bedeutet, und zwar im Sinne von terra inculta, also ungenutztes Land. Bekannt ist, dass es im Samland keine kompakte Besiedlung durch die Goten gegeben hat, dass sie dort aber eine Weile lang die soziale Oberschicht gebildet hatten, bis sie sich dann entschlossen abzuwandern. Sollte Twangste also eine gotische Gründung sein?

Dazu müssen wir den Begriff „wangus“ einmal von prußischer Seite aus beleuchten und dabei fällt die Betonung auf Holzschlag und Eichwald. Hier wird der Kenner der heidnischen Naturreligion sofort hellhörig, denn in diesem Begriffspaar steckt eine absolut unverträgliche und sich einander ausschließende Gegensätzlichkeit: In der altbaltischen Religion war die Eiche das Sinnbild des Donnergottes Perkunos. Wenn man vom faktisch unanrufbaren Dewus-Uckapirmos einmal absieht, war Perkunos der höchste Gott überhaupt. Seinen heiligen Baum auch nur anzutasten, geschweige denn eine Lichtung in seinen heiligen Wald zu hauen, war mit einem Tabu belegt und hatte den Tod zur Folge. Dabei handelt es sich bei einem Tabu nicht etwa um die Todesstrafe sondern um ein Sterben aus psycho-somatischen Gründen, was in etlichen ostpreußischen Legenden anschaulich berichtet wird.

Um zu verdeutlichen, wie ein Tabu noch 1.500 Jahre später wirken kann, sei hier der österreichische Diplomat Siegmund von Herberstein zitiert, der 1517 eine Gesandtschaftreise nach Moskau unternahm und bei Einheimischen übernachtete, wo er auch den Schlangenkult kennen lernte. Die Schlange war das Symbol der Erdgöttin Zemyna, die in der Götterhierarchie ebenso hoch stand wie der Donnergott Perkunos. Jede Familie schätzte sich glücklich, wenn sich eine grüne Grasnatter, die übrigens ungiftig ist, im Hause in der Nähe der Feuerstelle niederließ, bedeutete dies doch, dass die Erdgöttin dem Haushalt gnädig war. Diese Schlange wurde mit Milch und Eiern gefüttert. Herberstein nennt die im Haus gehaltene Schlange „ihren Gott“ und sagt: „Sy haben jr zeit, wann sy jren Göttern die speiss geben, setzen ain Milich in mitten jhrer wonung vnd khnien auf den Penkhn, so khumbt der wurm herfür vnd pheifft die leut an, wie die zornige gens, dan so betten vnd eheren die leut den mit vorchten an“. Dann erfährt der Diplomat eine Geschichte, in der ein Bauer einen Gast aufgenommen hatte, der seinen Gastgeber überredete, als guter Christ nicht länger dem Aberglauben anzuhängen und die Schlange zu erschlagen. „Nit lang darnach khamb der selb mein wird wider, seine Pein zu sehen; der Paur hette ein krums maul vnd gegen dem Or gezogen.“ Der Frevler hatte also einen Schlaganfall erlitten, weil er das Tabu gebrochen hatte.

Nach all diesen Erkenntnissen dürfte es legitim sein, Twangstes Entstehung als eine gotische Ortsgründung anzunehmen, denn solange dort ein Eichenbestand vorzufinden war, war es für prußische Menschen zu dieser Zeit absolut unmöglich sich dort anzusiedeln. Erst die respektlosen Goten hatten es gewagt, den Eichwald zu roden und dort eine Siedlung anzulegen, die dann nach Abzug der Goten weiter von Prußen bewohnt blieb.

Ab der Römischen Kaiserzeit (1. bis 4. Jh. n.Chr) werden neben archäologischen auch schriftliche Zeugnisse geliefert. So schreibt Tacitus: „Rechts von dort schlägt das slawische Meer an das Küstenland der aestischen Völker. Ihre Sitte und ihr Äußeres ist schwebisch, die Sprache der brittanischen ähnlich. Sie verehren die Göttermutter. Als Sinnbild dieses Kultes führen sie Bilder von Ebern. Solche Bilder sind ihr Schild und Schirm. Sie decken den Verehrer selbst in der Feinde Mitte. Selten ist der Gebrauch einer eisernen Wehr, häufiger der von Keulen. Getreide und andere Feldfrüchte bauen sie fleißiger an, als dies sonst der bequemen Germanen Art ist. Aber auch das Meer durchsuchen sie, und sie sind die einzigen von allen, die den Bernstein, bei ihnen „glesum“ genannt, in den Untiefen und am Ufer selbst sammeln. Seine Natur und Entstehungsart haben diese Barbaren nie untersucht oder ermittelt. Lange lag er unter anderem Auswurf des Meeres da, bis römische Prunksucht ihm einen Namen machte. Jene wissen selbst nichts damit anzufangen; er wird roh gesammelt, unverarbeitet ausgeführt und voller Bewunderung empfangen sie Bezahlung dafür“.

Auch der Name „Aestier“ ist gotisch und bedeutet „die Geachteten, die Geschätzten“. Aus diesem Wort entwickelte sich der Name Estland. Tacitus nennt die Prußen einen „äußerst friedliebenden Menschenschlag“, und auch tausend Jahre später sagt Adam von Bremen, dass es höchst schätzenswerte Menschen seien, über deren Sitten viel Löbliches gesagt werden könnte, wenn ... sie nur den christlichen Glauben annehmen würden.

Zwischen 166 bis 180 n. Chr. wandern die Goten nach Südrussland ab. Sie werden „Creutungi“ genannt, nach der Stadt Graudenz. Mit ihnen wandern die prußischen Galinder und kommen bis nach Spanien, was die Existenz des spanischen Familiennamens Galindo beweist. Ihr leer gewordenes Wohngebiet wird im Laufe der kommenden Jahrhunderte friedlich und leise von den slawischen Masoviern besiedelt, die die samländisch-natangische Kultur übernehmen. Nachdem die Goten das Samland verlassen hatten, gewann die prußische Unterschicht wieder die Oberhand, nahm von der gotischen Ganzkörperbestattung Abstand und kehrte zur alten Brandbestattung zurück.

Zur Zeit der Völkerwanderung (4. bis 8. Jh. n. Chr.) wird das Germanenreich zerschlagen, aber das Samland pflegt weiter seine alten Handelsbeziehungen. Südrussische Tierkopffibeln finden sich neben Merowinger-Sicheln und Zikadenfibeln aus dem mittleren Rheinland. Ab dem 7. Jh. dringen die Slawen von der Donau kommend in die von Germanen entvölkerten Gebiete. Dies geschieht kampflos, fast spurlos und lautlos, denn es sind einzelne Stammesgruppen, die sich neue Nahrungs- und Siedlungsgründe erschließen. Es bilden sich keine Herrschaftsstrukturen unter ihnen, und das polnische Reich existiert auch noch nicht. Durch das Abziehen der Germanen und die sich dazwischen schiebenden Slawen erliegen die alten ostpreußisch-germanischen Handelsbeziehungen. Da die Slawen auf einer niederen Kulturstufe stehen, kommen von ihnen keine neuen Impulse, und so macht sich im Samland zunächst ein starkes Eigenleben bemerkbar, das schließlich in ein kraftloses Ermatten und in einem Versiegen der Kreativität mündet. Dies wird als die Periode der Dekadenz bezeichnet. Vom angeblich so legendären baltischen Twangste wird weiterhin nichts berichtet. Es bleibt im Gegensatz zu den meernahen Samlanddörfern unbedeutend.

Im 8. Jh. wächst der skandinavische Einfluss. Ein Dänenkönig unterwirft die Samländer, die ihn ohne Kampf als ihren Gebieter begrüßen. Die nordischen Beziehungen und der Kulturaustausch schaffen einen Wandel. Landwirtschaftliche Erneuerungen ziehen ein, und die Reiterei spielt eine größere Rolle als in früheren Epochen. So findet man in Gräbern vergoldete Zaumzeugbeschläge. Nach Masuren strömen wieder Germanen ein, die aber nach Ansicht der Archäologen auch Galinder sein könnten, die in ihre alte Heimat zurückkehren und germanische Sitten mitbringen.

Die spätheidnische Zeit (9. bis 11. Jh. n. Chr.) wird auch Wikingerperiode genannt. Wegen Landarmut und Überbevölkerung werden vor allem Dänen, aber auch andere Nordmänner, von kriegerischer Abenteuerlust getrieben. Ihr draufgängerischer Eroberungsgeist überzieht Ostpreußen als letzte germanische Welle. Ende des 9. Jh. hält sich der angelsächsische Wiking Wulffstan in Ostpreußen auf und liefert einen trefflichen Bericht über Land und Leute. Es ist insgesamt eine kämpferische Periode, denn die Prußen haben sich nicht nur der Wikinger zu erwehren, auch die Polen überziehen sie über 400 Jahre lang ständig mit Krieg. Wulffstan schreibt: „Es befinden sich viele Burgen in dem Land. Es ist viel Krieg unter den Esthen“, was auch zahlreiche Waffenfunde aus dieser Epoche beweisen. Das Jahr 960 n. Chr. gilt als offizielles Gründungsjahr des polnischen Staates. Es herrscht Herzog Mieszko I.; das Kerngebiet der Polanen liegt zwischen Warthe, Netze und Weichsel.

In der zweiten Hälfte des 10. Jh. schildert Saxo Grammaticus, wie die Dänen das Samland angegriffen haben, aber angesichts der dortigen Krieger und des bevorstehenden Kampfes sich feige aus dem Staub machen wollten. Daraufhin ließ ihr Anführer Feuer an die dänische Flotte legen, so dass ihnen nichts übrig blieb als zu kämpfen... und zu siegen. Sie töteten die Ehemänner und zwangen die Frauen zur Heirat. Grammaticus schreibt: „Sie brachen die Ehetreue zu ihren heimatlichen Frauen und hingen ihren fremdländischen Frauen mit Leidenschaft an und vergaßen die Heimkehr.“ Der samländische Freiheitsdrang hielt noch lange an, bis König Kanut d. Gr. schließlich „die Reiche der Kuren, Semben und Esten von Grund auf zerstört hatte.“

Ab 1.100 verstärken sich die polnischen Übergriffe auf Ostpreußen; die Motivation wird darin zu sehen sein, dass Polen einen Zugang zum Meer bekommen wollte. Die Polen respektierten nicht die Bodenständigkeit der Prußen und war auch lange erfolglos, denn die Prußen konnten die natürlichen Gegebenheiten ihres Landes zu ihrem Vorteil nutzen. Die undurchdringlichen Urwälder waren für Fremde kaum zu bewältigen, lediglich bei Frost konnten Feinde die Sümpfe durchqueren. Ebenso widerstanden die Prußen den christlichen Missionierungsversuchen. Dies wird darin gelegen haben, dass die Missionare sich an die prußischen Häuptlinge gewandt hatten, in der Annahme, dass prußische Herrschaftssystem entspreche dem Lehnsrecht des Deutschen Reiches. Sie nahmen an, wenn der Häuptling bekehrt wäre, dann hätten alle Gefolgsleute ebenfalls den Glauben anzunehmen. Die Prußen hatten jedoch ein, wenn man so will, demokratischeres System: Häuptlinge waren lediglich Heeresführer und wurden jeweils vor einer Schlacht zum Führer gewählt. Die Führerschaft galt jedoch nur für Kriegszüge und ansonsten nichts. Die Folge war, dass sonst sehr erfolgreiche Missionare im Prußenland ermordet wurden, weil sie die persönliche Freiheitsliebe und Eigenständigkeit falsch eingeschätzt hatten. Dagegen hielt der polnische Druck an. Hatten sich die Prußen für lange Zeit lediglich auf ihre Verteidigung verlassen, änderten sie im 12. Jh. ihre Strategie und gingen zu Angriffskriegen über. Dadurch wurden sie zu einer direkten Gefahr für nordpolnische Gebiete, mit der bekannten Konsequenz, dass Konrad von Masovien die Ordensritter zu Hilfe rief. Um das Jahr 1000 bestand das Volk der Prußen aus etwa 170.000 Menschen. Nach der Eroberung durch den Orden, waren sie etwa auf 40 % dezimiert. Bemerkenswert ist noch der sehr lang anhaltende Widerstand der Samländer.

Zum Schluss möchte ich zusammenfassen, was wir über die Siedlungsstelle, aus der Königsberg entstanden ist, erfahren haben. Twangste war nicht die einzige Siedlung, aus der Königsberg entstanden ist, sondern auf dem Stadtgebiet existierten eine Reihe älterer Dörfer, die im Vergleich mit den samländischen Küstendörfern aber belanglos waren. Bei der Siedlung Twangste handelt es sich um eine gotische Gründung, die etwa um die Zeitenwende stattgefunden haben muss, wobei eine genauere Datierung den Archäologen überlassen werden muss. Auch Twangste dürfte bis zum 8. Jh. ein unbedeutendes Dorf gewesen sein, denn die internationalen Handelsrouten führten entlang der Haffstrände und der binnenlandigen Haffufer und natürlich über See. Lediglich Handelswege ins Binnenland führten den Pregel entlang. Auch die undurchdringliche Wildnis, die südlich von Ponarth begann, schloss aus, dass Twangste Anschluss an die große weite Welt haben konnte. Diese Urwälder wurden erst gegen 1400 trockengelegt und gehörten lange Zeit zum Waldamt Brandenburg und nicht zur Stadt Königsberg. Twangste wird erst in den späteren kriegerischen Zeiten, von denen Wulffstan berichtet, zu einer Fliehburg ausgebaut worden sein, als längst der ehemalige Eichwald aus dem prußischen Gedächtnis verschwunden war. Diese Burg dürfte in den samländischen Revolten gegen den Orden eine große Rolle gespielt haben. Vermutlich wurde sie vom Orden geschliffen und zu einem Kastell ausgebaut, sonst hätte Peter von Dusburg nicht von „alter Burg“ sprechen können. Die prußischen Burgen unterschieden sich stark von der viereckigen Kastell-Bauweise, die der Orden aus südlichen Ländern mitgebracht hatte.

Wenn Russland dieses Jahr 750 Jahre Kaliningrad feiert, dann weiß jeder, wie absurd dieses Unternehmen ist. Schließlich handelt es sich um die deutsche Stadt Königsberg, die erst nach dem 2. Weltkrieg nach einem russischen Kriegsverbrecher ihren heutigen Namen erhielt, also erst 60 Jahre existiert. Königsberg ist aus mehreren Dörfer zusammengewachsen, von denen Twangste eine der jüngsten Gründungen aus der Vorordenszeit sein dürfte. Der Orden nutzte lediglich die Gegebenheiten, die er vorfand, baute sie für seine Zwecke weiter aus und benannte den Ort um. Diese Umbenennung wird von den „Kleinlitauern“ als germanischer Kolonialismus beklagt, wobei schlicht verkannt wird, dass das damals wie heute üblich war und eigentlich nicht kritikwürdig ist, denn genauso handeln Sieger. Schließlich sind Russland und Litauen mit den Städten Königsberg und Memel ebenso verfahren: Der Orden machte aus Twangste und anderen Dörfern ein Königsberg, die Russen ein Kaliningrad; die Litauer benannten die deutsche Stadt Memel in Klaipeda um und versuchen systematisch ihren deutschen Charakter zu vertuschen. Der Orden handelte also nicht verwerflicher als andere.

Abschließend möchte ich mich an meine lieben „kleinlitauischen“ Freunde wenden: Verabschiedet euch von euerm „baltischen“ Twangste! Als gotische Gründung taugt es nicht als Beweis für einen litauischen Anspruch auf das Kaliningrader Gebiet. Wir Ostpreußen prußischer Herkunft sind weder vom Orden ausgerottet noch komplett von den Russen ermordet worden. Es gibt uns noch, und wir werden mitreden, auch wenn ihr an die biologische Lösung geglaubt haben mögt!

Aber schlussendlich kritisiere ich auch unsere offiziellen Vertreter in der Landsmannschaft Ostpreußen und im Bund Junges Ostpreußen: Obwohl es unter ihnen etliche Historiker gibt, offenbart sich ein eklatanter Mangel an vorordenszeitlicher Geschichtskenntnis. Möglicherweise liegt es daran, dass viele der jungen ostpreußischen Vertreter gar keine ostpreußischen, geschweige denn baltischen Wurzeln haben und stets nur die deutsche Geschichtsdarstellung gelernt haben. Aber diese ist eine Siegerschreibung und damit einseitig. Fakt ist, dass wir Deutschen seit 1945 aus unserer Heimat heraus sind. Wenn wir künftig innerhalb der EU und innerhalb einer möglicherweise entstehenden Region Prussia mitreden wollen, dann wird es nötig sein, sich mit unserer prußischen, kurischen und masurischen Geschichte zu befassen. Die von der Geschichte gebeutelten Litauer setzen den Beginn der Geschichtsschreibung in die baltische Vorordenszeit und schöpfen ihre Kraft aus dem Großreich unter König Mindaugas, der angeblich das nördliche Ostpreußen besessen hat. Die Vertreter der Landsmannschaft machen denselben ahistorischen Fehler, indem sie einen Zeitpunkt bestimmen, ab dem die Geschichte beginnt, nämlich ab Ankunft des Ordens. Sie weisen stets auf die unbezweifelbaren kulturellen Leistungen unter deutscher Herrschaft hin, beachten aber nicht, dass eben dies Argument mit germanischem Kolonialismus gleichgesetzt wird und auf besondere litauische Empfindlichkeiten stößt. Auf diese Weise wird jede Gesprächsbereitschaft im Keim erstickt. Da spielen zwar Größen wie Kant, Herder, E.T.A. Hoffmann und andere eine Rolle, wobei merkwürdigerweise Immanuel Kant schottische Vorfahren untergeschoben werden, obwohl Hans und Gertrud Mortensen nachgewiesen haben, dass Kants väterliche Vorfahren lettische Kuren waren, die sich im Memelland angesiedelt haben. Unsere offiziellen Vertreter scheinen also Schotten schicker als Kuren zu finden, und das ist eine Sache, die Ostpreußen baltischer Herkunft verstört, werden ihre Vorfahren somit als minderwertiger betrachtet.

Ebenso wird der Geschichtsbeginn des nördlichen Ostrpeußens, das Stammesgebiet Nadrauen, mit Ankunft der Salzburger festgelegt. Die einheimischen Prußen und eingewanderten Litauer und Szemaiten werden kurzerhand als von der Pest ausgerottet erklärt. Damit spielt man der litauischen Seite Trümpfe zu, die behauptet, das Gebiet habe Mindaugas gehört, es sei bis zu 90 % litauisch besiedelt gewesen und sei litauisches Stammland, das nur vorübergehend germanisch kolonisiert worden war. Dass all dieses keine Spinnerei sondern offiziöse litauische Politik Litauens ist, beweist z. B. der Aufsatz des Ministers a.D., Prof. Zigmas Zinkevicius, „Der zerteilte Dialekt der Litauer“, der unter http://www.tolkemita.de.vu/ nachzulesen ist. Finanzielle Unterstützung finden die Litauer in den amerikanischen so genannten „Kleinlitauern“, die auch die „Kleinlitauische Enzyklopädie“ herausgegeben haben, in der akribisch die angebliche litauische Zugehörigkeit Ostpreußens dargestellt und weltweit publiziert wird.

Wir werden bei gleichbleibend schwacher Kenntnis der prußischen Geschichte der falschen litauischen Argumentation nichts entgegenzusetzen haben, wenn die Karten denn jemals neu gemischt werden sollten, und wir werden möglicherweise ohnmächtig zusehen müssen, wie aus Königsberg ein künftiges Karalaucius wird.

 

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Quellen:

  1. Gaerte, Wilhelm: Urgeschichte Ostpreußens, Gräfe und Unzer, Königsberg 1929
  2. Crome, Hans: Die Burgen der alten Preußen, 1926, in „Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Ost- und Westpreußens 1926-1931, Tolkemita-Texte Dieburg“
  3. Gause, Fritz: Königsberg in Preußen, Rautenberg 1987
  4. Engel, Carl, Vorgeschichte der altpreußischen Stämme, Königsberg 1935
  5. Gimbutas, Marija: Die Balten, Herbig Verlag 1983
  6. Lietuvos istorijos atlasas, Briedis Vilnius
  7. Mannhardt, Wilhelm: Letto-Preussische Götterlehre, Riga 1936
  8. Mortensen, Hans: Siedlungsgeographie des Samlandes, Stuttgart 1923
  9. Mortensen, Hans u. Gertrud: Die Besiedlung des nordöstlichen Ostpreußens bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts; die preußisch-deutsche Siedlung am Westrand der großen Wildnis um 1400, Leipzig 1937
  10. Mortensen, Hans u. Gertrud: Kants väterliche Ahnen und ihre Umwelt, Rede von 1952 in Jahrbuch der Albertus-Universität zu Königsberg/ Pr., Holzner- Verlag Kitzingen/ Main 1953 Bd. 3
  11. Schlüter, Otto, Wald, Sumpf und Siedlungsland in Altpreussen vor der Ordenszeit, Halle 1921
  12. Zinkevicius, Zigmas, Der zerteilte Dialekt der Litauer (Minister a.D.), nachzulesen unter http://www.tolkemita.de.vu/)

Quelle:
"Memeler Dampfboot", 157. Jahrgang Nummer 5 ff,
http://www.memeler-dampfboot.info. 2005

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weitere Informationen zur Namenskunde (Kneiphof):

www.naanoo.com/freeboard/board/show_thread.php?topic=132430&userid=21893&forumid=13550


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