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Der russische Archäologe Konstantin Skworzow zeigt Exemplare
aus dem Prussia-Fundus: Kleine Reste

Der Jubel über die Wiederherstellung ist verfehlt
Königsberger Prussia-Sammlung: Eine Aufarbeitung ihrer Überreste ist zwar überfällig, das meiste wird jedoch verschollen bleiben
von Jürgen W. Schmidt

Auf Betreiben des Professors Ernst August Hagen gründete sich in Königsberg 1845 die Prussia-Altertumsgesellschaft, welche sich die „Aufsuchung und Erhaltung der preußischen Altertümer und Kunstwerke jeder Art“ zur Aufgabe machte. Die Zahl der archäologischen Fundstücke schwoll im Laufe der Jahrzehnte an und machte mehrfach den Umzug der Sammlung nötig. Zuletzt umfaßte die Sammlung 400.000 Objekte nebst einem umfangreichen Archiv an Fundberichten und Ausgrabungsdokumentationen.

Ab 1936 wurden in einer „Schausammlung“ im Königsberger Schloß in sechs Themensälen Artefakte aus der Geschichte Ostpreußens von der Steinzeit bis hin zur Wikinger- und Ordenszeit der Öffentlichkeit präsentiert. Der größere Teil der „Prussia-Sammlung“ befand sich allerdings unzugänglich, als wissenschaftliche „Studiensammlung“, im Königsberger Landesamt für Vorgeschichte unter Professor Wolfgang La Baume.

Die organisch gewachsene Prussia-Sammlung, mit einzigartigen Stücken wie dem seit 1945 verschollenen völkerwanderungszeitlichen Hortfund von Hammersdorf bei Heiligenbeil oder den Wikingerfund von Wiskiauten im Samland, wurde im Gefolge des Zweiten Weltkriegs auseinandergerissen und zum größten Teile vernichtet. 1943 begann man wegen drohender Luftangriffe den Großteil der Studiensammlung, darunter das vollständige Fundarchiv, nach Carlshof im Kreis Rastenburg auszulagern. Wichtige Teile wurden aus Carlshof wegen der immer bedrohlicheren Kriegslage Ende 1944/Anfang 1945 durch Vermittlung des Greifswalder Universitätsrektors und Vorgeschichtlers Carl Engel nach Demmin verbracht. Die Prussia-Schausammlung hingegen fand nach der Bombardierung des Königsberger Schlosses am 30. August 1944, die nur geringe Verluste verursachte, ihren Platz in den Kasematten des alten Forts Nr. III in Königsberg-Quednau, zum kleineren Teile wurde sie im März 1945 im Südflügel des Schlosses eingemauert.

Ab sofort begann an allen drei Auslagerungsorten der Prozeß der Zerstörung, der auf Vandalismus, Raubgier und erstaunlicher Gleichgültigkeit basierte. Am besten trafen es noch die im Keller der Kirche zu Carlshof verbliebenen etwa 1.000 Exponate der Prussia-Sammlung, vornehmlich Keramiken, Urnen und Schmuckgegenstände. Professor La Baume informierte 1959 einen polnischen Fachkollegen über den Lagerort. Die geborgenen Gegenstände befinden sich seitdem in einem polnischen Museum in Allenstein. Wesentlich schlimmer erging es der in Königsberg verbliebenen Schausammlung. Mehrfach entdeckte man bei der Suche nach dem Bernsteinzimmer und beim Abbruch des Königsberger Schlosses in den Jahren 1945 bis 1969 einzelne Exponate aus der Prussia-Sammlung, die sich heute im Kaliningrader Museum für Geschichte und Kunst befinden.

Da weitere Exponate rege auf internationalen Kunstmärkten und nach 1990 in Kaliningrad selbst kursierten, erfolgte in den Jahren 1999 bis 2001 eine gründliche Nachsuche im in der Nachkriegszeit vom sowjetischen Militär genutzten Fort Quednau. Hier entdeckte man in arg verrottetem Zustand 30.000 Teile der Prussia-Sammlung. Ein Bronzeschwert fand sich beispielsweise in der Soldatenküche des Forts, wo man es zum Zurechthauen der Fleischportionen nutzte.

Die nach Demmin gelangten umfangreichen Teile der Prussia-Sammlung litten jedoch am meisten, vor allem durch unverzeihliche Gleichgültigkeit der Behörden und das tragische Ableben von Professor Carl Engel. Erst als ein örtlicher Heimatpfleger 1946 erfuhr, daß im Gutshof Broock Kinder mit Steinbeilen spielen würden, entdeckte er auf dem Dachboden des Gutshofs stark lädierte, durcheinandergeworfene Stücke der einstigen Prussia-Studiensammlung. Die aufgefundenen Reste, sofort eingesammelt und 1949 an das Institut für Vor- und Frühgeschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin übergeben, umfaßten immerhin 120 Kisten. Hier ruhten die politisch lästigen Fundstücke still und unberührt bis 1990. Erst die in Rußland und Polen erfolgende Präsentation restaurierter Teile der einstigen Prussia-Sammlung lenkte die Aufmerksamkeit auch in Deutschland auf die bislang unbeachteten Rudimente. Insgesamt handelte es sich um 50.000 archäologische Fundstücke (ein Achtel der einstigen Sammlung) nebst einem Viertel des Fundarchivs.

Wenn man heute in einer titanischen Arbeitsanstrengung alles für die internationale Archäologie aufarbeiten will, ist es gleichwohl falsch, von einer „Wiederherstellung“ zu sprechen, eher könnte man es „Nutzbarmachung“ nennen. Die in Rußland, Polen und Deutschland befindlichen Prussia-Reste, insgesamt ein Viertel des einstigen Bestandes, sind nämlich derzeit kaum etwas wert, weil man die Fundorte und Ausgrabungsumstände nicht mehr kennt. Daher müssen die in Berlin befindlichen etwa 50.000 bis 80.000 Blatt aus dem Fundarchiv sortiert, restauriert und in einer Datenbank mehrsprachig erfaßt werden.

Die aufwendige Arbeit soll in 18 Jahren erledigt sein. Der niedrige Stellenwert der Sammlung in der Ostzone wird nicht zuletzt durch die Behandlung des überaus sachkundigen Prähistorikers Carl Engel verdeutlicht, welcher zur Rettung die Verlegung von Teilen der Studiensammlung aus Ostpreußen nach Demmin veranlaßte und maßgeblich an der kampflosen Übergabe von Greifswald beteiligt war. Ungeachtet dessen wurde er von selbsternannten „Antifaschisten“ wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft bei der sowjetischen Besatzungsmacht denunziert und verstarb 1947 im Lager Fünfeichen. In seinem einstigen Greifswalder Institut für Vorgeschichte trockneten zur selben Zeit sowjetische Soldaten ihre Fische.

Quelle:
JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co., Geschichte, Nr. 23/13, 31. Mai 2013

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