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Freiwillige Jäger

 


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Hermann Sudermann


Abschied zweier Freiwilliger Jäger von ihren Eltern:
Zeichnung von Heinrich Anton Dähling (1733–1850)

Demokratischer als die Bundeswehr
Preußens Freiwillige Jäger durften ihre Vorgesetzten selber wählen –
Vor 200 Jahren Feuertaufe im Gefecht bei Lüneburg
von Jürgen W. Schmidt

Mit außerordentlichen Privilegien, die den Freiwilligen Jägern gewährt wurden, versuchte der preußische König Friedrich Wilhelm III., gebildete junge Männer aus dem Bürgertum für die Teilnahme an den Befreiungskriegen zu gewinnen. Bereits bei der ersten größeren Kampfhandlung nach dem Rückzug der in Russland geschlagenen Franzosen hinter die Elbe, dem Gefecht bei Lüneburg am 2. April 1813, kamen sie zum Einsatz.

Am Vorabend des Befreiungskampfes gegen Napoleon galt es in Preußen, in großem Umfang zu rüsten und kampfkräftige Einheiten aufzustellen. Die kleine reguläre Armee wurde kräftig aufgestockt und auch alle sonstigen Möglichkeiten genutzt, das männliche Bevölkerungspotenzial auszuschöpfen. Da der Soldatenberuf, namentlich als einfacher Soldat und Unteroffizier, für gebildete junge Männer bislang kein sonderlich hohes Sozialprestige besaß, suchte König Friedrich Wilhelm III. unter maßgeblichem Einfluss General Gerhard von Scharnhorsts, dieses Problem durch das Institut der „Freiwilligen Jäger“ zu lösen.

Dazu wurde eine königliche Kabinettsordre am 3. Februar 1813 erlassen. Demnach sollte bei jedem Infanteriebataillon und jedem Kavallerieregiment der preußischen Armee ein sogenanntes „Jägerdetachement“ errichtet werden, das nur aus Freiwilligen bestand. Jeder Freiwillige sollte sich seinen Truppenteil selbst aussuchen können. Der Name „Jäger“ rührte daher, dass die Freiwilligen zum Dienst als leichte Infanteristen in zerstreuter Gefechtsordnung bestimmt waren. Sie brauchten nicht die schwere Infanteriemuskete zu schleppen, sondern konnten sich mit einer viel leichteren, treffsicheren Jägerbüchse bewaffnen, die sie allerdings auf eigene Kosten anschaffen mussten. Nach kurzer militärischer Ausbildung – man dachte an höchstens ein Vierteljahr – konnten sich die Jäger dann ihre Offiziere und Unteroffiziere selbst wählen. Vom ordinären Arbeits- und Garnisonsdienst der regulären Soldaten waren die sich innerlich als Elite fühlenden freiwilligen Jäger sowieso von vornherein befreit.

Obwohl dem König die endgültige Bestätigung der gewählten Offiziere zustand, war allein schon der Gedanke an die Wahl militärischer Vorgesetzter nicht nur in Preußen etwas so Neues, dass nur ein idealistisch denkender Mann wie General Scharnhorst darauf verfallen konnte. Über die konfliktgeladene Situation zwischen freiwillig Kriegsdienst leistenden jungen Kaufleuten und Studenten einerseits sowie altgedienten preußischen Offizieren auf der anderen Seite schrieb der preußische Historiker Max Lehmann: „Welch ein Ansinnen für diejenigen, die sich an den Liebesliedern Goethes und den Tragödien Schillers berauscht hatten, dem Kalbfell zu folgen! Welch ein Ansinnen für die Offiziere des friderizianischen Heeres, Stubenhocker und Projektenmacher auf liebreiche Art zu behandeln und nach kurzer Zeit gar als Kameraden zu begrüßen!“

In der Praxis erwies sich der Gefechtswert der Freiwilligen Jäger­einheiten im Vergleich zu regulären Truppeneinheiten als nur gering. Die Freiwilligen Jäger zeigten sich sowohl beim Marschieren wie beim Schießen den regulären Soldaten unterlegen. Obwohl die Freiwilligen Jäger gleich den regulären Soldaten der preußischen Armee den militärischen Regeln und Gesetzen vorbehaltlos unterstanden, klagten Vorgesetzte wie General Ludwig Yorck von Wartenburg öfters darüber, dass es mit der Disziplin und Befehlsausführung bei den Jägern hapere. Zudem ordneten sich die Freiwilligen Jäger ihren selbstgewählten Offizieren oft nur dann unter, wenn diese sich auch tatsächlich im Kampf bewährten.

Immerhin konnten etwa 8500 junge Männer zum Eintritt in das Heer als Freiwillige Jäger bewogen werden und im Jahr 1814 bestanden die unteren Dienstgrade des preußischen Offizierskorps, die Leutnants, zum großen Teil aus ehemaligen Freiwilligen Jägern, die sich letztlich als vortrefflicher Kaderpool für die reguläre Armee erwiesen.

Freiwillige Jäger des Jäger-Bataillons v. Reiche nahmen auch vor 200 Jahren an der ersten größeren Kampfhandlung nach dem Rückzug der in Russland geschlagenen Franzosen hinter die Elbe teil. Das Jäger-Bataillon war ab Anfang März 1813 in Berlin aufgestellt worden. Mitunter als „Ausländisches Jäger-Bataillon v. Reiche“ bezeichnet, handelte es sich nicht etwa um eine Art preußische Fremdenlegion. Vielmehr sollten hier – neben einigen aus Berlin – vor allem Freiwillige gesammelt werden, die aus jenen deutschen Gebieten stammten, die Preußen im Tilsiter Frieden an das Königreich Westphalen des Napoleoniden Jérôme Bonaparte hatte abtreten müssen. Unter Führung des charismatischen preußischen Majors Ludwig v. Reiche meldeten sich hier 1140 Freiwillige, die man in drei Infanteriekompanien und ein Jägerdetachement gliederte. Für die Ausrüstung dieses Bataillons spendete ein Berliner Kaufmann 9.000 Taler und die Berliner Schneider und Schuhmacher fertigten Uniformen und Stiefel auf Kredit an. Unter ihren Offizieren fanden sich Kammergerichtsreferendare, Kaufleute und Studenten ebenso wie ein westfälischer Husarenwachtmeister sowie ex-kurhessische und ex-bayerische Offiziere.

Am 29. März marschierte das Bataillon aus Berlin ab, wurde in der Kirche des Prignitzer Kleinstädtchens Lenzen feierlich auf den preußischen König vereidigt und nahm bereits vier Wochen nach seiner Aufstellung als erstes preußisches Truppenkontingent im Bestand einer russischen Streifschar am 2. April 1813 an einem scharfen Gefecht gegen französische Truppen bei Lüneburg teil.

Das Gefecht endete für die verbündeten Preußen und Russen siegreich. Die französische Division des bei dem Gefecht tödlich verwundeten Generals Joseph Morand musste vor den Toren Lüneburgs kapitulieren. 100 Offiziere und 2.200 Mann gingen in Gefangenschaft.

Über den im Bataillon v. Reiche herrschenden Kampfgeist schrieb der Bataillonsadjutant und vormalige Berliner Kammergerichtsreferendar August Friedrich Mebes seiner Mutter: „Zu den Russen habe ich kein Vertrauen. Wir müssen uns auf uns selbst verlassen, es ist ja unsere heilige Sache.“

Quelle:
Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt, Ausgabe 12/13, 23.03.2013

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