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Ausgrenzung ohne Beispiel
Literaturführer verschweigt ostdeutsche Autoren

Der Literarische Führer Deutschland. - Die Ausgrenzung der Literatur Ostdeutschlands bedeutet eine "geistige Bücherverbrennung" und erinnert an die Bücherverbrennungen im Dritten Reich und das Entfernen von Büchern aus den öffentlichen Bibliotheken in den ersten Nachkriegsjahren.Nur Autoren, die westlich der heutigen Oder-Neiße-Grenze gewirkt haben, fanden im neuen „Literarischen Führer Deutschland“ des Insel-Verlags Aufnahme. PAZ-Autor Jörg Bernhard Bilke hat sich das Buch näher angesehen.

Wer heute, im 21. Jahrhundert, eine Literaturgeschichte Deutschlands zu schreiben unternimmt, setzt sich der Lächerlichkeit aus, wenn er auf Autoren verzichtet, die in Ostpreußen oder Schlesien geboren wurden und dort gewirkt haben wie Johann Gottfried Herder (1744–1803), Joseph von Eichendorff (1788–1857) und Gerhart Hauptmann (1862–1946). In einer solchen Literaturgeschichte auf die schlesische Barocklyrik zu verzichten, wäre undenkbar.

Noch lächerlicher wird es, wenn die Werke aufgespalten werden in jene, die westlich der heutigen Oder-Neiße-Grenze und diejenigen, die östlich davon entstanden sind. Die frühen Dramen Gerhart Hauptmanns beispielsweise, die er schrieb, als er in Erkner bei Berlin lebte, wie die Diebskomödie „Der Biberpelz“ (1893), dürften nach dieser Logik genannt werden, das umfangreiche dramatische und epische Schaffen in den viereinhalb Jahrzehnten zwischen 1901 und 1946 in Agnetendorf/Schlesien aber nicht, weil die einst preußische Provinz heute zur Republik Polen gehört.

Ähnliche Verkürzungen von Leben und Werk hätte der Aufklärer Johann Gottfried Herder, geboren im ostpreußischen Mohrungen, auszuhalten. Daß er 1762/64 in Königsberg Theologie studiert und Vorlesungen bei Immanuel Kant gehört hat, daß sein erstes Buch 1766/67 in der lettischen Hauptstadt Riga erschienen ist, wäre nicht erwähnenswert, wohl aber seine Jahre als Kirchenbeamter in Bückeburg 1771/76 und in Weimar 1776/1803. Aber gerade dieses unsinnige und jeder historischen Kontinuität widersprechende Verfahren wird im „Literarischen Führer Deutschland“ von dem Saarländer Publizisten Fred Oberhauser (1923) und dem Lüneburger Germanisten Axel Kahrs (1950) angewandt, der 2008 im angesehenen Insel-Verlag erschienen ist.

Im Geleitwort des einstigen DDR-Schriftstellers Günter de Bruyn (1926), der in mehreren Erzählungen vor 1989/90 seine Sympathie für Flüchtlinge und Vertriebene aus Ostdeutschland bekundet hat, wird lobend erwähnt, daß „hier Deutschland nun auch literaturtopographisch wieder vereinigt“ würde. Es fragt sich nur, welcher Preis dafür zu zahlen ist.

Günter de Bruyn macht die Schizophrenie eines solchen Auswahlprinzips deutlich erkennbar, wenn er über Alfred Döblin (1878–1957) schreibt, daß man ihm „nicht nur in seinem Sterbeort Emmendingen begegnen (könne), sondern auch am Schauplatz seines berühmten Romans am Alexanderplatz in Berlin“, wobei unerwähnt bleibt, daß man ihm an seinem Geburtsort, der pommerschen Hauptstadt Stettin, in diesem Lexikon nicht begegnen kann.

Foto: Immanuel Kant in Königsberg: Nur weil er seine Vaterstadt nie verließ, ist er jetzt in einem Literaturführer nicht zu finden.Das politisch, nicht literaturgeschichtlich ausgerichtete Prinzip dieses Nachschlagewerks hat zur Folge, daß ein hochrangiger Denker, der die geistige Entwicklung der Menschheit vorangebracht hat, wie der Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant (1724–1804) aus Königsberg in Preußen in diesem Buch nicht vorkommt. Schließlich hat er niemals in seinem Leben die Provinz Ostpreußen verlassen. Der weit unbedeutendere DDR-Schriftsteller Hermann Kant (1926) dagegen wird gleich siebenmal genannt!

Fast scheint es, als bedaure der Verfasser des Vorworts diese unerbittliche Ausgrenzung ostdeutscher Autoren, wenn er schreibt: „Denn wichtige deutsche Literatur wurde nicht nur im heutigen Deutschland geschrieben, sondern auch in den ehemals deutschen Ostgebieten wie Schlesien und Ostpreußen, die heute zu anderen Staaten gehören ...“ Zugleich aber nimmt er diese Einsicht wieder zurück, wenn er die deutsche Exilliteratur als Gegenargument anführt und beschwichtigend meint: „Und ebenso sind die Ostpreußen Johann Gottfried Herder und Ernst Wiechert in Bückeburg, Weimar und Berlin präsent, wie die Schlesier Joseph von Eichendorff und Gerhart Hauptmann in Heidelberg, Berlin und auf Hiddensee.“

Die wissenschaftliche Leistung, die Fred Oberhauser, Axel Kahrs und ihre drei Mitarbeiter mit diesem umfangreichen Band erbracht haben, ist unbestritten. Aber es schmerzt, wenn gewichtige Teile der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte ausgeschlossen bleiben, nur weil ihre Vertreter jenseits von Oder und Neiße geboren wurden und an der Memel oder an der Weichsel ihre Gedichte schrieben, ohne zu ahnen, daß ihnen das nach Jahrhunderten schaden könnte.

Hinter dem Auswahlprinzip verbergen sich gewiß auch politische Bedenken, sich dem polnischen und russischen Vorwurf des „Kulturimperialismus“ auszusetzen. Diese Bedenken freilich, die ihre Entstehung vorauseilender Unterwerfung verdanken, sind heutzutage unberechtigter denn je.

Im polnischen Schlesien und noch mehr im russischen Teil Ostpreußens wird die deutsche Kulturvergangenheit durchaus anerkannt. In Oberschlesien stehen mehrere Denkmäler Joseph von Eichendorffs, und am Geburtshaus des Dichters und Schriftstellers Johannes Bobrowski (1917–1965) in Tilsit ist eine Gedenktafel angebracht.

Fred Oberhauser und Axel Kahrs: „Literarischer Führer Deutschland“, Insel Verlag, Frankfurt 2008, geb., 1470 Seiten, 48 Euro

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Quellen:
Grafik: Archivmaterial;
Text und Foto: Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt, 17/09 v. 25.04.2009

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